Die evangelische Landeskirche will das Angebot an Religionsunterricht in Berlins öffentlichen Schulen einschränken. Der Schülerschwund zwingt zum Sparen. Auch die katholische Kirche muss ihren Religionsunterricht mit Millionenbeträgen bezuschussen.
Das geht aus Unterlagen für die Tagung des Kirchenparlaments in der kommenden Woche hervor. Besonders in östlichen Bezirken könnte es zu „weißen Flecken“ kommen, heißt es in der Kirchenverwaltung. Da immer weniger Kinder den evangelischen Religionsunterricht besuchen, wird es für die Kirchen immer teurer, ein flächendeckendes Angebot aufrechtzuerhalten. Denn der Senat erstattet nur dann 90 Prozent der Personal- und Sachkosten für den Unterricht, wenn eine Gruppe von mindestens 15 Schülern in den Grundschulen und mindestens zwölf Schülern in den Oberschulen zusammenkommt. An immer mehr Schulen wird diese Gruppengröße nicht mehr erreicht. Dort muss die Kirche die Kosten selbst tragen.
Im Schuljahr 2007/08 besuchten knapp 85 000 Kinder und Jugendliche in Berlin den evangelischen Religionsunterricht, im vergangenen Schuljahr waren es noch 81 300. „Durch einen in diesem Ausmaß nicht erwarteten Rückgang von Teilnehmern am Religionsunterricht, der auch in solchen Gegenden stattfand, in denen bisher eine hohe Teilnahmequote zu verzeichnen war, sind die Kosten erheblich angestiegen“, steht in einer Vorlage der Kirchenleitung, über die das Kirchenparlament vom 11. bis 14. November abstimmen muss.
2008 führte das zu einem Defizit im Haushalt der Landeskirche von 6,2 Millionen Euro. Für 2010 prognostizieren die Finanzexperten der Landeskirche ein Defizit von neun Millionen Euro, für 2011 von 9,4 Millionen Euro. Die Kirchenleitung will das Defizit aber bei maximal 7,5 Millionen Euro deckeln. In der Vorlage für die Kirchenparlamentarier heißt es, dass deshalb „weitere Gruppenzusammenlegungen“ und Schwerpunktsetzungen erforderlich sind. Das bedeutet einen Rückzug aus der Fläche. Wo keine evangelische Lerngruppe mehr zustande kommt, will man mit der katholischen Kirche eine „konfessionell-kooperative Zusammenarbeit“ erreichen, das heißt, einen ökumenischen Unterricht anbieten. Die Kirchenparlamentarier müssen entscheiden, ob sie diesen Kurs mittragen wollen.
Auch die katholische Kirche muss ihren Religionsunterricht mit Millionenbeträgen bezuschussen. Die Teilnehmerzahlen sind aber nicht so dramatisch eingebrochen wie bei den Protestanten. So besuchten 25 000 Schüler im Schuljahr 2007/08 den katholischen Religionsunterricht, 2008/09 waren es 60 Kinder und Jugendliche weniger. Da es schon immer weniger katholische als evangelische Kinder in Berlin gegeben hat, sei man als katholische Kirche daran gewöhnt, an manchen Schulen auch Gruppen mit nur drei Kindern zu unterrichten. Das wolle man auch weiterhin so machen, sagt Stefan Förner, Sprecher des Erzbistums. Man habe die Erfahrung gemacht, dass es sehr schwer ist, mit dem Religionsunterricht wieder zu beginnen, wenn man sich einmal aus einer Schule zurückgezogen hat.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 04.11.2009)
Kommentare [ 17 ] Kommentar hinzufügen »
Schwindende Schülerzahlen, ob es die auch geben würde, wenn das Volksbegehren erfolgreich gewesen wäre ? ;-)
Könnte aus dem Vokabular irgendeines Viehhofaufsehers stammen.
Passt aber gut zur evangelischen Kirche.
Schließlich definiert man sich als Gesellschaft von Hirten und Schafen ("Der Herr ist mein Hirte").
Bezeichnend für diesen Verein ist, dass der Herr Bischof einen "Dienstwagen" fährt oder eine Gemeinde in Charlottenburg anlässlich der beendeten Renovierung einer Orgel zu einem Sektempfang einlädt. Die Kosten für den Schampus werden aus dem allgemeinen Steueraufkommen bestritten, also auch von den Steuern derjenigen Bürger, die keiner Kirche angehören. Alles selbstverständlich nur zur höheren Ehre des Herrn.
Aber wenn Sie schon inflationären Schaumweingenuss auf unser aller Kosten anprangern möchten : im roten Rathaus finden Sie an höchster Stelle ganz sicher jemanden, der mehr als wir alle zur Förderung der Sekt- und Champagnerindustrie beiträgt. Und diese sagenwama 'intensive Nutzung' findet ganz sicher nicht 'zum Wohle des Herrn' statt : insofern ein fröhlich-delirantes Dauer-Prost aus den berliner Schaltzentralen politischer Macht mit tröstender Komplett-Entwarnung für die Atheisten : keinen Eurer so geliebten Euronen lasst ihr in den Fängen der Kirche.
Ein Glück bzw. "Gott sei Dank", daß die Berlinerinnen und Berliner schlau genug waren, sich nicht vor diesen Karren spannen zu lassen.
Vor diesem Hintergrund lässt sich ein Teil des Rückgangs der Religionsschüler schon mal als Teil des Ganzen erklären. Beim anderen Teil darf zumindets die Frage erlaubt sein, ob sich die Kirche mit dem Volksbegehren einen Gefallen getan hat. Die damit erreichte Polarisierung in der Stadt mag zwar die eigenen Reihen noch fester geschlossen haben, was die Zahl der Religionsunterricht-Anmeldungen nicht nach oben treibt, aber unter Umständen bei einigen Wankelmütigen eines zweites Nachdenken ausgelöst haben dürfte.
Schade.
Hierbei heiße Religionsunterricht selbstverständlich nicht, dass dies ein eigenständiges Fach sein muss, das sich über die ganze Schulzeit erstreckt. Es kann, wie jetzt teilweise auch schon, Bestandteil anderer Fächer sein, und es ist möglich, Religionsunterricht als Extrafach nur für einige Schuljahre anzubieten, dabei immer bekenntnisfrei, wenngleich Religionsvertreter eingeladen werden sollten, um ihr jeweiliges Religiönschen authentisch präsentieren zu können.
Die bekenntnisorientierte religiöse Sozialisation ist also in der multireligiösen Gesellschaft auf säkularer-liberaldemokratischer Grundlage eine nicht-schulische Privatangelegenheit, für die Steuergelder nicht zur Verfügung gestellt werden sollten.
Dann würden wieder Werte vermittelt , die vielen Jugendlichen heute fehlen .
In den anderen Bundesländern gibt es ja das System, was Sie sich wünschen...
Dafür benötigt es also weder einen zusätzlichen Religionsunterricht und auch keinen zusätzlichen Ethikunterricht, wenngleich es durchaus angebracht ist, die Werte, Normen und Ideale, die im Schulalltag hoffentlich ausreichend erfahren worden sind, ausdrücklich zu reflektieren, so ab Klassenstufe 7 oder 8, und allen Beteiligten noch mehr Möglichkeiten zu geben, die Demokratisierung der Schule weiter voranzutreiben.
Ein solcher Unterricht hieß mal Staatsbürgerkunde, wenngleich „Politische Bildung“ üblicher war. Dieser Unterricht wurde dann abgeschafft, weil wir ihn nicht mehr nötig gehabt hätten, wir Vorzeigedemokraten in unserer Vorzeigedemokratie. Nun haben wir ihn wieder. In Berlin z. B. als Ethikunterricht. Wäre eigentlich alles in Ordnung, wenn dieser Ethikunterricht nicht philosophisch begründet und appliziert worden wäre.
Denn wir sind so wenig Philosophen wie Christen oder Muslime, sondern Demokraten. Die Schule macht uns nicht zu Philosophen, sondern zu Demokraten. Also müsste der Ethikunterricht umgeändert werden, in Demokratische Ethik oder Demokratieunterricht, damit die Werte, Normen und Ideale der Demokratie nicht nur im schulischen Alltag erfahren, sondern auch reflektiert werden, um z. B. die Schulen noch demokratischer zu machen, von der Gesellschaft im Allgemeinen ganz zu schweigen.
Alles andere ist Privatsache und hat in der Schule keinen Platz, aus Gründen der Bildungs- und Zeitökonomie, höchstens als AG im Freizeitbereich, nicht jedoch als Bildungspflichtprogramm.
Allerdings kann ich mir kaum vorstellen, dass die Kirchen so leicht ihr Missionsfeld aufgeben werden. Geld haben sie auch genug. Es wird hier wahrscheinlich nur gejammert, um Mitleid zu erregen.
Interessantes Verfassungsverständnis.
Aber natürlich, die vielen ach so klugen Menschen, die ich aus den Pro Reli - Debatten kenne, wissen so viel besser als meine Tochter und ich, dass Sechsjährige für solche Themen zu klein sind und Religionsunterricht der doktrinären Missionierung dient und, und , und....
Coyote hat vollkommen Recht - das beste Modell, bei dem am meisten an Wertevermittlung und Reflektion `rumkommen kann, ist das, was es in den meisten Bundesländern gibt, die Wahl zwischen Ethik und Religion, verbunden mit der Pflicht, eins von beidem zu besuchen. (Mit M-B zu glauben, die Wertevermittlung laufe implizit mit, halte ich für ziemlich naiv. Dass Schule auch mit Religion/Ethik nicht ausbügelt, was zuhause schiefläuft, steht auf einem anderen Blatt.)
Weil´s das hier in der Schule nicht selbstverständlich gibt, dürfen sich halt nur diejenigen Sechsjährigen ernst genug genommen fühlen, über Gott (oder vielleicht nicht - Gott), über Regeln, Traditionen, Werte und Begründungen nachzudenken und zu sprechen, deren Eltern es ihnen erlauben und ermöglichen.
(und bevor jetzt irgendein Kluger Quatsch schreiben muß: meine Tochter hat auch schon gefragt, ob es sicher ist, daß es Gott gibt, ob Gott ein Mann oder eine Frau ist; besonders charmant fand ich`s ja, wie sie als knapp Fünfjährige nach einem Gespräch mit einem katholischen Priester aus unserem Bekanntenkreis zu dem Schluß kam, sie wolle sich Gott am liebsten als großes Mädchen vorstellen. Sie wächst auf im Bewußtein, daß wir nicht wissen, aber glauben dürfen - diese Erfahrung von Toleranz hat sie den Kindern mancher Kampfatheisten allerdings voraus...
kinder und jugendliche im sinn - übersehen, dass es gegenwertig nur einen
wert gibt:
wachstum und gewinnmaximierung über alles und für einige wenige. dem hat
sich die ganze welt zu unterwerfen!