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Kreativ

Zensurenparty mit Szene-Stars

Zur diesjährigen Zeugnisübergabe der mittleren Schulabschlüsse wurden in Moabit die Dokumente von Schauspielern, Autoren und anderen übergeben. Statt wie üblich vom Schulleiter, erhalten die rund 100 Schüler ihre Notenbilanzen in diesem Jahr von Leuten, die ihnen als Vorbilder dienen sollen.
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In Moabit, in der Mensa des Oberstufenzentrums Banken und Versicherungen, um 8.40 Uhr morgens: Schüler, vor allem Mädchen, singen und heben die Arme in die Luft, „sie liegt in meinen Armen“ trällern sie – den Hit ihres Superstars Muhabbet. Murat Ersen, wie der Sänger Muhabbet mit richtigem Namen heißt, steht auf der Bühne und singt das spontane Ständchen, weil einige der Jugendlichen ihn darum gebeten haben. Eigentlich ist Muhabbet hier, um Urkunden zu übergeben, an die beiden Schüler mit der geringsten Fehlzeit. Für ihr häufiges Erscheinen wurden sie nun unverhofft mit Wangenküsschen von ihrem Star belohnt.

Die berufsbildende Schule in Moabit ist mit 2600 Schülern eine der größten Bildungseinrichtungen in Berlin. Der Anteil an Jugendlichen aus Einwandererfamilien liegt hier bei bis zu 80 Prozent. Eine ehemalige Schülerin namens Derya Ovali hat sich deshalb etwas Besonderes einfallen lassen: Zur diesjährigen Zeugnisübergabe der mittleren Schulabschlüsse hat sie Schauspieler, Autoren und andere mit türkischen und arabischen Namen eingeladen. Statt wie üblich vom Schulleiter, erhalten die rund 100 Schüler ihre Notenbilanzen in diesem Jahr von Leuten, die ihnen als Vorbilder dienen sollen.

Das Aufgebot scheint ihnen zu gefallen: Faadi Saad, ein Quartiersmanager und Autor aus Neukölln, erhält schon Applaus, als er sich als Palästinenser vorstellt. Er erzählt den Jugendlichen, wie oft er seinerzeit in der Schule sitzengeblieben ist. Auch der Kreuzberger Schauspieler Bülent Sharif will den Schülern vor der Zeugnisvergabe Mut machen und spricht aus, was seine Anwesenheit verkörpern soll: „Ich habe es geschafft, aber ihr könnt es auch!“

Die 18-jährige Sebnem Aydin drängt sich nach der Feier zu Muhabbet und macht mit ihm ein Handyfoto. Sie strahlt. Es ist ein guter Morgen für die Schülerin. Am besten gefällt ihr das „perfekte Zeugnis“ in ihren Händen. Ein Notendurchschnitt von 2,6 und „keine einzige Vier auf dem Blatt“. Jetzt will sie Abitur machen und eines Tages Bankkauffrau werden. Auch ihr Mitschüler Fatos Demiri freut sich über die Zensuren. Er hat einen Durchschnitt von 3,2 erreicht und kann den Schulzweig wechseln und Fachabitur machen. Was er damit anfangen will? Er seufzt, das weiß er noch nicht. Oder doch: Polizist. Aber das müsse hier nicht jeder wissen. Das komme nicht bei allen gut an. 

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 15.07.2009)
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Kommentare [ 2 ] Kommentar hinzufügen »

Comment
von betrachter betrachter ist gerade offline | 15.7.2009 8:24 Uhr
Muhabbet als Vorbild?
Die Initiative finde ich prima. Und Bülent Sharif kommt sicher nicht nur bei den Mädchen gut an, sondern seit "GSG9" auch bei den Jungs. Und ist zu allem Überfluss damit auch ein (wenn auch fiktionales) Vorbild dafür, dass Migranten es bis in Elitetruppen schaffen können.

Aber Muhabbet?
Der Muhabbet, der nach glaubhaften Aussagen den Mord an Theo van Gogh gerechtfertigt hat?
Der Muhabbet, der frauenfeindliche Texte singt?
(Die ich hier lieber nicht zitiere. Zu eklig.)
Der Muhabbet, der die rechtsextremen "Grauen Wölfe" unterstützt?
Der soll ein Vorbild sein?
Comment
von riegel riegel ist gerade offline | 15.7.2009 10:18 Uhr
Statt wie üblich vom Schulleiter, erhalten die...
Also sind definitiv die Schulleiter und Lehrer und Lehrerinen keine Vorbilder:

Dürfen sich doch bittschön die "Prominenten" Vorbilder dann auch den Niederungen des Schulalltages widmen und als Vorbilder unterrichten.
Dann dürfen die Schulleiter wieder die Zeugnisse übergeben.

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