Berlin : Familienbande

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Von Lars von Törne

Passender könnte der Ort, an dem die Musik von Tangerine Dream entsteht, wohl kaum aussehen: Hinterm Haus ein kunstvoll angelegter Garten mit Palmen, Skulpturen und großen Steinen, halb Japan, halb Orient. In der Mitte ein Teich mit Springbrunnen. Das Plätschern ist bis ins Wohnzimmer zu hören. Als habe jemand eine CD mit Entspannungsmusik eingelegt. Ist dieses Idyll am Stadtrand von Berlin die Inspiration für jene fließende, meditative, gelegentlich pathetische Musik, für die der Tangerine Dream seit 35 Jahren steht? „Nein, das hat mit dem Ort nichts zu tun“, sagt Edgar Froese und schüttelt den Kopf mit der grauen Löwenmähne. Er lächelt seinen Sohn Jerome an, der neben ihm auf der Couch sitzt. „Wenn du deine Mitte gefunden hast, verlierst du sie auch nicht im Großstadtlärm.“ Der Rückzug an den Stadtrand sei nicht der Kunst geschuldet, sondern schlicht dem Wunsch, seine Ruhe vor den Menschen zu haben: „Ich bin ein Schwachsinnsallergiker“, sagt Froese spitz, „allergisch gegen überproportionale menschliche Dummheit.“

Edgar Froese ist 58 Jahre alt und wirkt wie jemand, der lange daran gearbeitet hat, seine Mitte zu finden. Rund 50 Schallplatten und CDs sind ein Ergebnis dieser Suche. Viele davon werden bis heute als Klassiker gerühmt, gelten modernen Techno- und Ambient-Musikern als Vorbild – vor allem im Ausland. Das Geld zum Leben verdiente der Keyboard-Tüftler indes durch Filmmusiken. Trotz des kommerziellen Erfolgs arbeitet Edgar Froese immer noch am liebsten an eigenen, experimentellen Projekten. Und sucht weiter nach Antworten auf die ganz großen Fragen. So auch bei der jüngsten CD, der Vertonung des „Inferno“ aus Dantes Göttlicher Komödie, die heute Abend auf der Museumsinsel ihre Berliner Premiere erlebt. „Jeder stellt sich doch die Frage: Was ist der Sinn des Lebens, was soll das alles?“, sagt er. Die wichtigste Botschaft von Dante lautet für Froese: „Glaube nicht, was man dich gelehrt hat, mach dich frei von der Unterdrückung durch die Meinung anderer.“ Seine Selbstständigkeit zu behaupten, war für Froese seit Gründung der Band 1967 zentral. „Die Leute zu verunsichern gehört einfach dazu“, sagt er. „Wenn wir niemanden mehr irritieren, könnte ich meine Rente anmelden.“

Der Bestand des Unternehmens Tangerine Dream wäre dadurch allerdings nicht gefährdet. Denn „TD“, wie Fans die Band nennen, ist ein Generationen übergreifendes Familienunternehmen. Vor zwölf Jahren stieg der heute 32-jährige Jerome bei Vaters Projekt ein. „Ich bin aufgewachsen mit Tangerine Dream“, erzählt er und fläzt sich in die Sofaecke. „Seit ich denken kann, war das Projekt etabliert.“ Mit der Hand fährt er sich durch das punkig hochstehende Haar. „Ich hätte natürlich auch etwas ganz anderes machen können – aber das hat mich nie gereizt.“ Nach diversen Umbesetzungen blieben Vater und Sohn übrig. Die beiden sind heute nicht nur künstlerische und geschäftliche Partner. Sie teilen sich auch das idyllische Zweifamilienhaus am Stadtrand, gemeinsam mit Jeromes Freundin sowie Edgars Frau, der Malerin und Sängerin Bianca Acquaye – die wiederum das Cover der Inferno-CD gemalt hat und eine der sechs Sängerinnen des Projektes ist.

Die Show heute Abend – mit Sängerinnen, Tänzerinnen, Laserstrahlen und Feuerwerk – ist der erste Auftritt der Band in Berlin seit fünf Jahren. Und es wird wohl auch auf längere Sicht der einzige bleiben. „Wir sind keine extrovertierten Menschen, wir brauchen die Bühne und den Applaus nicht“, sagt Edgar Froese. „Wir machen unsere Musik für uns, nicht für das Publikum.“

Tangerine Dream spielen heute um 21.30 Uhr beim Museumsinselfestival vor der Alten Nationalgalerie. Karten an allen Vorverkaufsstellen, der Abendkasse sowie unter Tel. 2045 4111. Die CD „Inferno“ gibt es bislang nur auf Bestellung: Tel. 236 20 995, Internet: www.tdi-music-mall.de .

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