Berlin : Familiendrama mit offenen Fragen

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen

Es gibt Geschichten, die kommen nur in türkischen Zeitungen vor. Zum Beispiel dieses Mutter-Kind-Drama: „Das Treffen, das zu Tränen rührt“, titelte die Tageszeitung Milliyet am Donnerstag. Es war eine bunt bebilderte Geschichte auf der Titelseite der Europa-Beilage mit wenig Text. Eine türkische Mutter trifft nach langer Zeit ihre Tochter wieder. „Nach zehn Jahren konnten sich Mutter und Tochter endlich wieder in die Arme nehmen“, berichtete das Blatt und zeigte Bilder, auf denen sich die beiden in der Flughafenhalle von Düsseldorf weinend in den Armen lagen. Ihnen zur Seite standen der deutsche Stiefvater und die Zwillingsbrüder.

„Elif G. hat vor ihrem Asylantrag schon mal in Deutschland gelebt. Nach ihrer Heirat mit Ahmet A. ist sie damals in die Türkei zurückgekehrt“, hieß es etwas unverständlich im Text. Dann erzählte die Mutter von vier Kindern ihre Geschichte. „Aufgrund unserer Arbeitslosigkeit waren wir in einer finanziellen Notsituation. Deshalb habe ich vor zehn Jahren aus wirtschaftlichen Gründen meinen Sohn und meine Tochter in der Türkei zurückgelassen und bin mit den Zwillingen wieder nach Deutschland gekommen. Hier habe ich Asyl beantragt.“ Durch ihre Rückkehr hatte sie das Aufenthaltsrecht für immer verloren. „Sie hat angegeben, dass ihr Asylantrag abgelehnt wurde“, schrieb die Milliyet. Dann ging die Geschichte weiter: „Ich habe 10 Jahre gewartet. Dann habe ich mich von Ahmet scheiden lassen und habe Klaus geheiratet. Mein Mann (Klaus) hat einen Tumor im Kopf. Aus Angst davor, dass die Behörden die Einreise meiner Tochter behindern könnten, ist er nicht zum Arzt gegangen. Klaus hat meinen Kindern und mir sehr geholfen . Ich habe nie den Glauben an Gott verloren.“ So endete der Text.

In einer deutschen Zeitung könnte die Geschichte so nicht stehen. Zu viele Fragen bleiben offen. Worauf hat sie 10 Jahre lang gewartet? Wie hat sie es geschafft, nachdem ihr Asylantrag abgelehnt wurde, noch so lange in Deutschland zu bleiben? Und warum hat sie sich von ihrem türkischen Ehemann scheiden lassen? Wieso konnte sie ihre Tochter nicht früher sehen?

Das sind Fragen, die deutsche Leser interessieren, aber die beantwortete die türkische Zeitung nicht. Es gibt wohl viele Dramen in dieser Art, die der türkische Leser auch ohne viel Worte versteht. Die türkischen Zeitungen erzählen eben nur Geschichten aus dem Leben, wie sie überall hierzulande passieren. Als sei es die normalste Sache der Welt, dass jemand aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland flüchtet, vorgibt, politisch verfolgt zu sein, und es dann schafft, hier sesshaft zu werden. Die Perspektive in deutschen und türkischen Zeitungen können mitunter ganz schön verschieden sein.

» Mehr lesen? Jetzt gratis Tagesspiegel testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben