Berlin : Familienleben im Aufenthaltsraum

Nach dem Abschiebeversuch in den Kosovo ist Nazmi Ramadani wieder in Berlin– mit ungewisser Zukunft

Philipp Lichterbeck

Der Innenausschuss des Abgeordnetenhauses hat sich mit dem Fall des Kosovo-Albaners Nazmi Ramadani beschäftigt. Vor anderthalb Wochen war seine Abschiebung gescheitert, weil sich die UN-Übergangsverwaltung im Kosovo, Unmik, geweigert hatte, den 55-Jährigen aufzunehmen (wir berichteten). Die Begründung: Ramadani wurde von seiner Familie getrennt.

Jetzt ist Ramadani wieder in Berlin. Innensenator Ehrhart Körting (SPD) will vor einer erneuten Abschiebung den Konflikt mit der Unmik klären lassen. Er rechtfertigte das Vorgehen seiner Behörde: „Die Unmik hat ihre Kompetenzen überschritten. Der Streit mit ihr ist erfahrungsgemäß zäh. Wir werden Ramadani zurückführen, sobald auch seine Frau abschiebefertig ist.“ Während die CDU Körting zustimmte, kam von den Grünen Kritik. Ihr Fraktionsvorsitzender Volker Ratzmann sagte, es entstehe wieder der Eindruck, dass die Ausländerbehörde so viele wie möglich abschieben wolle.

Obwohl Nazmi Ramadani nach fünf Monaten zu seiner Familie zurückgekehrt ist, herrscht bei den Ramadanis keine Freude. „Wir wissen nicht, was wird“, sagt die Tochter Imrane. Die Familie aus dem Kosovo isst in der gemeinsamen Wohnung in Neukölln zu Abend. Die Eltern Nazmi und Emine sind da, der älteste Sohn Xevdet, außerdem Imranes Mann mit den drei kleinen Kindern. Nur der jüngste Sohn der Ramadanis, der 21-jährige Safet, fehlt. Er lernt fürs Abitur. Es gibt Rindfleisch mit Reis, dazu Tomatensalat. Eine Flasche Rotwein steht auf dem Tisch, ein Amselfelder aus dem Kosovo. Aber die Ramadanis rühren das Essen kaum an. Nazmi Ramadani isst ein paar Happen, dann raucht er eine Zigarette. In seine Wangen haben sich senkrechte Falten eingegraben, am Kiefer klafft seit einer Tumorentfernung ein Loch. Er spricht schnell und nervös.

Vor dem Abschiebeversuch saß er mit seiner Frau mehr als vier Monate im Abschiebegewahrsam. Emine Ramadani kam frei, weil sie traumatisiert ist. Wie ihr Mann war sie in ihrer Heimat misshandelt worden. Deshalb flüchteten sie vor 15 Jahren nach Berlin. Emine Ramadani schlägt die Hände vors Gesicht. Sie bringt kein Wort heraus.

Nachdem die Unmik Nazmi Ramadani die Einreise verweigert hatte, musste er als Einziger wieder in das Flugzeug einsteigen, mit dem er abgeschoben worden war. Die Maschine der Montenegro-Airlines flog weiter nach Podgorica in Serbien-Montenegro. Ramadani erzählt, dass mehrere serbische Sicherheitsbeamte in Zivil an Bord gewesen seien. „Sie sagten, gib uns deine Euro, dreckiger Albaner, oder wir werfen dich ins Meer. Dann zeigten sie mir ihre Pistolen und Messer. Die Stewardess versteckte sich im Cockpit.“ In Podgorica seien die Männer dann verschwunden. Von dort flog Ramadani nach Frankfurt am Main, wo man ihn erneut in Haft nahm. Nach drei Tagen ließ man ihn frei. „Er ist nicht mehr der Gleiche“, sagt Imrane Derguti. „Er trinkt viel und sagt schlimme Worte.“

Nazmi Ramadani sagt, dass er sich im Krieg mit der Ausländerbehörde befinde, „aber ohne Waffen“. Aufgebracht zeigt er seine neue Duldung, die bis 12. Januar 2005 gilt. Darauf steht: „Aussetzung der Abschiebung“ und „Erwerbstätigkeit nicht gestattet“. Nazmi Ramadani würde gerne arbeiten. „Ein Mensch kann leben, wo er will, wenn er arbeitet.“ Im Kosovo war er Finanzbeamter und Grundschullehrer. In Berlin gewährte ihm die Ausländerbehörde nur zeitweilig eine Arbeitserlaubnis. Zuletzt durfte er zwei Stunden bei einem deutschen Bauunternehmer arbeiten. „7 Uhr bis 9 Uhr“, steht auf dem Bescheid. Der Unternehmer sagt, dass er Ramadani gerne voll beschäftigt hätte.

Mit dem Gesetz geriet Ramadani mehrfach wegen Verkehrsdelikten in Konflikt, auch beim Schwarzfahren in der U-Bahn wurde er erwischt. Am schwersten wiegt eine Verurteilung wegen Nötigung. Ramadani erklärt, er habe mit anderen Albanern auf einer Baustelle gearbeitet. Als die Firma nach zwei Monaten keinen Lohn bezahlt habe, seien sie zum Chef gegangen. „Er hat uns wegen Nötigung angezeigt.“ Wenn man Nazmi Ramadani fragt, warum er nicht in den Kosovo zurückwolle, antwortet er: „Ich habe dort keine Chance.“ Im Kosovo liegt die Arbeitslosenquote bei 60 Prozent.

Ob die Ausländerbehörde tatsächlich versuchen wird, ihn am 12. Januar abzuschieben, ist unklar. Zurzeit verhandelt das Berliner Verwaltungsgericht die Klage seiner Frau, die wegen ihrer schweren Erkrankung eine Aufenthaltserlaubnis möchte. Im Kosovo gibt es weder die zu ihrer Behandlung notwendigen Ärzte noch Medikamente. Die Unmik hat bereits deutlich gemacht, dass sie Nazmi Ramadani keinesfalls alleine aufnehmen werde. Die Sprecherin der Innenverwaltung deutet an, dass man Ramadani dann spätestens mit seinem Sohn Safet abschieben werde, wenn dieser im Sommer nächsten Jahres sein Fachabitur gemacht habe.

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