Familientag : Etwas ganz Besonderes

Vater, Mutter, Kind - und was für Lebensmodelle es in Berlin noch gibt. Eine Entdeckungsreise.

Annette Kögel
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Familiensache. Katja Jäger hat Melissa allein großgezogen. -Foto: Rückeis

„Was Familie für mich bedeutet?“ Tilmann Günther gibt seinen Töchtern Lilly, 2, und Ella, 3, einen Schubs auf der Schaukel am Kollwitzplatz. „Familie bedeutet die Notwendigkeit, erwachsen zu werden. Das Empfinden von Freude daran, Leben weitergeben zu können. Ruhe, Frieden, Insel. Und einander bereichern, Glück schenken.“ Viel schöner als es der 39-jährige Vater auf dem Spielplatz sagt, lässt sich das Wesen der Familie wohl kaum auf den Punkt bringen. Und doch ist das Glück nicht immer von Dauer, und nicht immer bedeutet Familie Vater, Mutter, Kind. Eine Entdeckungsreise zum Tag der Familie durch die Hauptstadt der Singles – durch eine Stadt, in der jedes zweite Kind nicht bei der klassischen Ursprungsfamilie groß wird.

Im Zoologischen Garten ist die Welt in Ordnung. Mütter, Väter und Kinder drängen sich vor dem Gehege von Knut, dem Prototypen des modernen Berliner Familienwesens. Statt seiner Bärenmutter hat ihn ein Mann aufgezogen. Pfleger Thomas Dörflein hat übrigens im Privatleben längst den kleinen Sohn seiner Lebensgefährtin angenommen, während die beiden Kinder aus erster Ehe längst erwachsen sind. Derart turbulente Familienverhältnisse sind Gudrun und Alois Spindler fremd. „Für uns bedeutet Familie Glück und Geborgenheit“, sagt die 36-jährige Mutter Gudrun, mit der Familie vorm Abflug in den Urlaub nach Griechenland auf Berlin-Tour. „Wir kommen aus einem 700-Einwohner-Dorf in Bayern“, sagt Vater Alois. „Da ist eine Scheidung noch ein Dorfereignis“. Und sicher wäre auch die Ehegemeinschaft, die die Potsdamerin Susanna Galdo aus Liebe wählte, ein Hingucker: Der Papa von Nelson, 7, Elisabeth, 8, und dem fast zweijährigen Tim stammt aus Nigeria. Oma Doris Klee, 58, war hingegen nie verheiratet. „Das hat sich nicht ergeben, beim Großziehen von Susanna hat mir meine Mutter geholfen.“

Auf die eigene Mutter konnte auch die lange Jahre alleinerziehende Katja Jäger zählen – sie isst mit Töchterchen Melissa, 9, gerade einen Mittagssnack auf dem Winterfeldtplatz. In Schöneberg macht man Bekanntschaft mit dem Berliner Patchwork-Modell. Mit Alf Müller, 44, der gerade seinen Wagen mit Spielwaren auf dem Markt feierabendfertig macht, verbindet die 32-jährige selbstständige Frau aus Tiergarten heute eine „berufliche Freundschaft“ – beide handeln mit Spielwaren. Vor zwei Jahren „durfte Alf bei Mama schlafen“, so erklärt das Melissa. Jahre zuvor hat sich Katja Jäger schon vom leiblichen Vater getrennt, da war Melissa ein Jahr alt. „Ich bin ein standfester Mensch, ich brauche gerade Wege – und nicht links und rechts Einbahnstraßen.“ Will heißen, für die Frau mit dem 220-Quadratmeter-Geschäft war es doch leichter, den Laden und Familie alleine zu schmeißen, als mit dem Vater zusammen. „Er hat die Trennung nie verkraftet, mich und Melissa zurückgelassen. Ich finde es schon schade, dass sie ohne Vater aufgewachsen ist.“ Dafür waren aber Tante und Freunde für das Kind da. „Für mich sind das oft Ausreden, wenn Alleinerziehende sagen, sie seien überfordert.“ Die 32-Jährige strahlt Power aus, das hat wohl auch „Bogi“ angezogen. Den neuen Mann im Leben, „der auch total drauf achtet, dass es Melissa gut geht, wenn wir unterwegs sind.“ Ehe? „Muss nicht sein. Bringt Vorteile bei der Steuer – und sonst oft Ärger.“ Melissa sagt noch lachend: „Mama mag keine Hochzeitskleider.“

Alexander Melendrez ist da ganz anderer Meinung. Der gebürtige Peruaner läuft mit Sommerschlappen an den Füßen und Tochter Cielomar, 4, auf den Schultern durch Prenzlauer Berg. Cielomar, das bedeutet Himmel und Meer. „Für mich ist Familie Zusammenhalt, eine Einheit zu sein“, sagt der 41-jährige mit einer peruanischen Berlinerin verheiratete Archäologe. Als Ausländer will er sich und sein Kind nicht betrachtet wissen, er lebe seit 20 Jahren in der Stadt, „ich fühle mich als Berliner“. Er liegt damit im Trend: Statistiken zufolge sind schon 40 Prozent aller Unter-Achtzehnjährigen in dieser Stadt Einwandererkinder. Nach Berlin mitgebracht hat Melendrez auch seine Vorstellung von Familie, „und ich freue mich, dass dieser Begriff auch hier an Bedeutung gewonnen hat“.

Am Kollwitzplatz scheint hingegen die Ehe ohne Trauschein die aktuelle Lebensform zu sein, das bestätigt auch Jörg Ludwig - einer der wenigen männlichen Erzieher dieser Stadt. Er betreut gerade Kinder auf dem Spielplatz. Ganz klischeemäßig hat sich Ex-Franzose Jean Yves Monier, 34, in Paris in seine Freundin aus Berlin verliebt. Jetzt sind sie Eltern - ohne Ring am Finger. Camille wächst zweisprachig auf. Monier sagt: „Ohne Familie, das wäre für mich kein Leben.“

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