Berlin : Fanmeile – künftig alle zwei Jahre?

Stefan Jacobs

PRO

Jetzt rennen die Leute auch noch an den spielfreien Tagen in Scharen zur Fanmeile. Warum nur? Wahrscheinlich deshalb, weil sie es genießen, sich endlich einmal nicht auf zu schmalen Gehwegen drängeln und die Risiken und Nebenwirkungen des Straßenverkehrs inhalieren zu müssen. Schon verrückt, dass es die WM brauchte, um den Autos in der Stadt ein wenig Platz wegzunehmen und ihn den Menschen zu geben. Hierhin kommen sie nun und tun Dinge, die in den bekannten Abendland-Untergangsszenarien nicht vorgesehen sind: Sie sind rücksichtsvoll zueinander und ohne Dünkel gegenüber Fremden. Sie feiern in Massen und trinken in Maßen. Sie grüßen einander, reden und lachen miteinander – einfach so. Diese Dauerparty vermittelt ein Bild von Berlin, das die aufgeklärte Menschheit von Washington bis Wanne-Eickel verblüfft. Die Frage nach dem Erfolg stellt sich nach rund sechs Millionen Besuchern längst nicht mehr. Mit Public Viewing ist ein Trend entstanden, an dem sich nur sehr schwer herumnörgeln lässt. Er ist so stark, dass er nach Fortsetzung schreit. Also: In zwei Jahren ist Europameisterschaft und in vier Jahren wieder WM. Für alle, die keine Karte fürs Stadion bekommen haben, macht es keinen Unterschied, ob in München oder Charlottenburg, in Wien oder in Kapstadt gespielt wird. Geteilte Freude ist und bleibt doppelte Freude.

Contra

Was ruft das Kind, wenn es vom Karussell steigt? „Noch mal!“ Und was sind die Eltern? Genervt. Warum kann das Kind nicht sehen, dass die zweite Fahrt weniger toll wird als die erste? Weil sie 1. bloße Wiederholung ist, und 2. einer Erwartung genügen muss. Warum kann das Kind nicht die eine schöne Erinnerung bewahren?

Die Fanmeile ist ein toller Erfolg, und schon rufen die ersten: „Noch mal!“ Aber man kann die Fanmeile nicht wiederholen. Weil die Voraussetzungen andere sind. Die waren: 1. die Fußball-WM findet in Deutschland statt. 2. Team und Trainer sind mehr oder weniger neu. 3. die Spiele der Mannschaft laufen überraschend gut. 4. Feierlaune, Fahnenschwenken und „Deutschland“-Rufe ergeben ein höchst freundliches Konzert, das die Nation in seltener Zufriedenheit auf sich selbst blicken lässt. Diese vier Punkte machen das Fanfest zu einem ganz einzigartigen Erlebnis. Das wiederholen zu wollen, ist ein verständlicher (wie beim Karussell-Kind, weil es ja sooo schön war!), aber es ist falsch. Jede nächste Fanmeile wäre mit Erwartungen überfrachtet und muss daran scheitern. Und am Ende würde durch eine misslungene Fortsetzung noch die Einzigartigkeit des Festes 2006 beschädigt (siehe: peinliche Entwicklung der Love Parade). Also Kindchen, runter vom Karussell, mal sehen, was der Rummel sonst noch bietet. Ariane Bemmer

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben