Fashion Week : Zieht euch richtig an!

Zur Fashion Week verändert sich Berlins Mode: Weniger Nebeneinander von allem Möglichen, mehr So-viel-wie-Möglich. Alle tragen Smoking oder Kleidchen – und zwar ständig. Aber guter Stil ist auch eine Frage des Timings.

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Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Bei der Modewoche im vergangenen Sommer sah Berlin aus wie München. Als hätten die Einwohner von Bogenhausen ein Zelt direkt hinterm Brandenburger Tor aufgebaut – natürlich nicht so improvisiert wie die Occupy-Leute. Das Zelt war mehr als 20 Meter lang, klimatisiert, hatte eine Lounge mit Türsteher, in die man nur mit dem entsprechenden Bändchen kam.

In der Lounge standen lauter Modewesen auf einer Terrasse, blickten aufs Tor und auf die Schaulustigen und warteten auf die nächste Schau. Sie hatten Flatterkleidchen in schmeichelnden Pastellfarben an, wohlfrisiertes Haar, aufs Sorgfältigste gepflegte Fohlenbeine in sehr hohen Riemchen-Sohlenkonstruktionen, mit darauf abgestimmten großen Taschen, morgens um elf Uhr.

Niemand sorgte für ein wenig Lokalkolorit in Jeans oder Trainingsjacke. Ich fand das ignorant und war erschüttert, dass Berlin das mit sich machen ließ. Das ist hier immer noch die Stadt, wo jeder machen kann, was er will! Wo die besten Kleider vom Flohmarkt oder von Humana kommen! Die, die da auf der Terrasse standen, sind eigentlich mal gekommen, weil es hier anders ist. Jetzt sehen sie aus wie Aliens, die „Gala“, „Bunte“ und „Instyle“ entsprungen sind.

Die Fashion Week hat etwas verändert. Sie hat das Nebeneinander von allem Möglichen abgelöst. Jetzt wollen wir so viel wie möglich, egal wann. Dass in Berlin ein Begriff wie „black tie“, das Kürzel für Abendgarderobe, mal eine wichtige Rolle spielen würde, hätte sich vor 20 Jahren niemand träumen lassen. Einladungen, die Smoking zu weißem Hemd mit Binder verlangten, waren genauso selten wie solche, die um „glamourös sporty“ oder „sexy and wild“ baten – und wenn, war es schick, sich nicht daran zu halten.

Heute reicht eine Einladung zu einer Shoperöffnung mit dem Vermerk „optional black tie“, damit sich junge Männer am frühen Nachmittag in Smoking und Lackschuhen in die Straßenbahn setzen. Um dann dem neuen Krawattenkönig Jan-Hendrik Scheper-Stuke und Wirtschaftsminister Philipp Rösler beim Zerschneiden eines roten Bandes zuzuschauen.

Klar, sich schick zu machen ist toll, und viele Berliner tun es viel zu selten. Aber im letzten Jahr ist mit der Gewissheit, dass wir in einer Modestadt leben, auch eine völlig überkandidelte Haltung entstanden: Der letzte Depp soll sehen, dass wir jetzt was mit Fashion zu tun haben. Da wird ordentlich Stoff um Schauspielerinnen- und Moderatorinnenkörper gewickelt, Make-up-Künstler und Hairstylisten rücken an, und am Ende weiß die arme Berlinerin gar nicht, wohin mit so viel Modeverständnis am eigenen Leib. Es scheint, dass viele weibliche Gäste der Modenschauen gar nichts Vernünftiges mehr im Kleiderschrank haben: überall nur noch Flatter aus Seide.

Das Problem ist: Sich aufrüschen kann jeder. Mit Stil hat das nichts zu tun. Dabei geht es auch ums Timing. Das funktioniert anders als in den bunten Magazinen, wo man glauben könnte, die Stars liefen den lieben langen Tag in großer Garderobe herum, und nur mit viel Glück erwischt sie mal ein Fotograf in Jogginghosen auf dem Weg zum Mülleimer.

Wer Stil hat, lässt seine „black tie“, auch optional, öfter mal im Schrank und überlegt, welche Kleidung zu welchem Anlass passt. Da fehlen in Berlin noch die Erfahrungswerte, wir sind in einem Zwischenstadium. Dass bedrucktes T-Shirt mit Trainingsjacke nicht mehr die Berliner Stiluniform ist, hat sich fast bis nach Lichterfelde-West herumgesprochen – aber wie soll’s weitergehen?

Wie vom Lichtstreif am Horizont wird jetzt von einem neuen Berliner Stil gesprochen. Der wird als pur, ein bisschen Biedermeier und sehr abstrakt gefeiert. Die Sachen von Designern wie Perret Schaad, Michael Sontag und Hien Le sind auf die Materialien und Grundformen reduziert und verweigern sich eindeutiger Referenzen. Das sieht sehr schön, aber manchmal auch ein bisschen langweilig aus – genau die richtige Grundlage, um sich eigene Gedanken zu machen.

Eine völlig über-

kandidelte Haltung: Der letzte Depp soll sehen, dass wir jetzt was mit Fashion

zu tun haben.

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