Berlin : Fassadenliebe

Sylvia Vogt

Es gibt viele Möglichkeiten, jemandem eine Liebeserklärung zu machen. Wem ein Brief zu altmodisch, eine SMS zu unromantisch und ein Gespräch zu gewöhnlich ist, kann jetzt eine ganze Hausfassade zur Leinwand für seinen persönlichen Liebesfilm machen.

Jeden Abend beginnt am Alexanderplatz eine Lichtshow der besonderen Art. Ein pulsierendes Herz, hüpfende Strichmännchen leuchten auf dem Haus des Lehrers. Die Fenster sind die Pixel, die Lichtpunkte. "Blinkenlights" heißt die Installation, und ausgedacht hat sich die Aktion der Chaos Computer Club (CCC). Die Hackervereinigung feiert dieses Jahr ihren zwanzigsten Geburtstag. Bei der Vorbereitung der großen Party in der benachbarten Kongresshalle kam es zu der Idee, erzählt Tim Pritlove vom CCC. Der 33-Jährige ist Leiter und Organisator des Projektes. "Wir wollten irgendetwas mit Licht machen", sagt er. Der scherzhafte Einfall, dann doch gleich das Computerspiel Tetris auf der Fassade laufen zu lassen, war die Initialzündung.

Haus des Lehrers, siebenter Stock. Eine große Halle, leer, bis auf die Baulampen, die vor den Fenstern stehen. Es klackt und knackt. Licht an, Licht aus. Pritlove beobachtet die Leuchtsignale, die den Raum in scheinbar ungeordneter Folge erhellen: "Manchmal stehe ich hier oben und versuche zu erraten, welche Sequenz gerade läuft. Meistens gelingt es mir sogar." Ein endloses Gewirr aus Kabeln und Drähten windet sich im Treppenaufgang und führt schließlich zu drei altertümlich aussehenden Computern. Von hier aus wird das Pixel-Spektakel gesteuert. "Als wir anfingen, wussten wir selbst nicht, ob es funktioniert. Und schließlich waren wir überrascht, wie simpel es war", meint der Hacker.

Herausgekommen ist ein überdimensionaler Monitor, der an die Anfangsgründe des Computerzeitalters erinnert, als es noch keine hochauflösenden Grafiken gab und auf den Bildschirmen kryptische Kürzel in Schwarzweiß flackerten. Mit diesen Reminiszenzen spielen die Hacker. Ein Film besteht aus einer Folge von Abkürzungen aus der Computersprache. Da springt das Display von ERR zu RGB zu BIT zu TXT. Eine andere Botschaft: "Das Pferd frisst keinen Gurkensalat" - einer der ersten Sätze, die über eine Telefonleitung geschickt wurden.

Höhepunkt ist jedoch der Computerspiel-Klassiker Pong. Wer sein Handy dabei hat, kann auf dem Hochhaus Tennis spielen. Durch Anruf einer kostenpflichtigen 0190-Nummer loggt man sich in den Rechner ein und der "Bildschirm" schaltet auf das Spiel um. Mit den Telefontasten 5 und 8 lassen sich die Balken bewegen, die den Ball hin und her schlagen.

Jeder kann bei Blinkenlights mitmachen. Auf seiner Homepage stellt der Club ein einfach zu bedienendes Programm bereit, mit dem man seine eigenen Filmchen erstellen kann. Die besten Animationen werden auf dem Haus abgespielt. Das Echo ist enorm. "Wir können uns vor Beiträgen kaum retten. Manche schreiben sogar eigene Programme", sagt Pritlove. Kaum ein Entwurf muss abgelehnt werden. Die Sequenz, bei der ein Flugzeug in den Fernsehturm stürzt, ist eine Ausnahme. Die meisten gestalten ihre Filme getreu dem Motto des CCC: "Spaß am Gerät". Denn Blinkenlights soll laut Tim Pritlove vor allem Spaß machen: "Es ist ein Geschenk an uns selbst und an alle, die Freude am kreativen Umgang mit Technologie haben."

Immer häufiger schicken die Teilnehmer private Grüße, Liebeserklärungen und sogar Heiratsanträge. Das brachte die Chaos-Leute auf ihre neueste Idee: "Loveletters". Wer eine Liebesbotschaft per E-Mail einschickt, kann diese von nun an jederzeit mit dem Handy über die 0190-Nummer auf der Fassade abrufen. Jetzt muss man sich nur noch die Liebste oder den Liebsten schnappen, auf den Alex stellen und anrufen. Und dann: Staunen und hoffen, dass es wirkt.

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