Berlin : Fast 5000 Menschen leben in Berlin hinter Gittern

HANS TOEPPEN

"Magische Zahl" vor kurzem überschritten / Häftlinge müssen schon zusammenrückenVON HANS TOEPPEN BERLIN.Eine ganze Kleinstadt - wie Borkum oder Oberammergau - sitzt in Berlin geschlossen hinter Gittern.4883 Menschen sind im Augenblick in Strafhaft, und die Zahlen gehen unaufhaltsam in die Höhe.In der vorigen Woche ist die "magische Grenze" durchstoßen worden, die den Fachleuten der Justizverwaltung seit der Wiedervereinigung der Stadt vor den Augen stand: 4800 Gefängnis-Insassen.Die Zahl entspricht genau der Häftlingsquote des alten West-Berlin (3000), hochgerechnet auf die ganze vereinigte Stadt - ein zweifelhafter Vereinigungserfolg.Nun geht es neuen negativen Rekorden entgegen.Christoph Flügge, Abteilungsleiter Strafvollzug in der Senatsverwaltung, rechnet für die Zukunft mit "bis zu 6000 Häftlingen" in der Stadt.Dringend wird ein neues Gefängnis gebraucht.Justizsenator Körting steht vor einem verbreiteten Problem: "Fast alle Leute fordern höhere Strafen, aber niemand will ein Gefängnis in seiner Nähe haben", wie Flügge dies ausdrückt.Das brandenburgische Hobrechtsfelde im Nordosten Berlins, über das sich der Justizsenator mit den Stadtgütern als Standort schon einig geworden war, ist inzwischen nur noch "zweite Wahl".Eine Bürgerinitiative, die keine Häftlingsburg neben sich dulden will, und der Gemeinderat von Zepernick hatten protestiert.Nun wird ein neuer Standort für 650 Gefangene gesucht, vor allem in Treptow und vielleicht im brandenburgischen Süden der Stadt.Aber die Zeit drängt.Der Bau steht für das Jahr 2000 in der Investitionsplanung Berlins.Sprichtwörtlich ist bald im Kittchen kein Zimmer mehr frei.Die Gefangenenzahlen explodieren zur Zeit geradezu, wie Flügge sagt.Seit dem 7.Januar sind 300 Häftlinge in die gefüllten Vollzugsanstalten dazugekommen.Die "magische Zahl" von 4800 liegt schon über dem rechnerischen Platzangebot von 4775.Die Gefangenen müssen zusammenrücken."Gestern" hätte der Neubau schon stehen müssen, meint Flügge ironisch.Die Stadt hat nämlich nicht nur die Gefangenenzahl erreicht, die statistisch nach West-Berliner Maßstäben ihrer Einwohnergröße entspricht.Die offenen Grenzen, die gestiegene Kriminalität, die Verarmung breiter Schichten jagen die Häftlingszahlen weiter hoch.Mehr Gewalttaten und die intensive Bandenkriminalität füllen die Zellen, und die Strafen - so der Eindruck im Vollzug - sind ohnehin schärfer geworden.Das verlängert die "Verweildauer" hinter Gittern.Auch die Folgen von Arbeitslosigkeit und sozialem Zerfall machen sich - und das ist das Ende der sozialen Leiter - in den Gefängnissen bemerkbar.Wegen Kleinkriminalität tauchen mehr Menschen in den Strafanstalten auf als früher und auch immer mehr, die wegen einer Ersatzfreiheitsstrafe hinter die gesicherten Mauern ziehen.Sie haben ihre Geldstrafe nicht bezahlt.230 sind das zur Zeit, "überwiegend Alkoholiker", wie Flügge sagt - ein dramatisches Betreuungsproblem für den Strafvollzug.Ausländer aus fast 80 Ländern kommen dazu.Sie machen schon 35 Prozent der Häftlinge aus - ein multikultureller Strom, der seit Jahren weiter anschwillt.Bei den Untersuchungsgefangenen umfaßt er längst mehr als die Hälfte aller Fälle - Berlin, offene Stadt.(Weiteres Seite 14)

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