Berlin : Fast jeden Tag infiziert sich ein Berliner mit HIV

Ärzte müssen immer mehr Menschen einen positiven Aids-Test mitteilen. Vor allem junge Leute vergessen die Gefahren der Immunschwächekrankheit

Ingo Bach

Aids breitet sich in Deutschland wieder stärker aus. Und in Berlin ist dies am heftigsten spürbar: Unter allen deutschen Großstädten registrieren hier die Ärzte die meisten Neuinfektionen mit dem Aids–Erreger HIV. In diesem Jahr rechnet das Robert-Koch-Institut mit 350 Menschen in der Stadt, die erstmals einen positiven Aids-Test erhalten haben – gegenüber 277 im Jahr 2003 und 158 vor vier Jahren. Das ist statistisch gesehen einer pro Tag. Bundesweit zählten die Fachleute 2000 HIV-Neuinfektionen.

Der Grund: In Berlin gibt es eine große schwule Szene, und homosexuelle Männer stellen nach wie vor die größte Risikogruppe dar. 80 Prozent der Neuinfizierten – das sind rund 280 – sind Männer, die sich durch Sex mit einem Mann angesteckt haben. Der Virus verbreitet sich aber auch durch heterosexuellen Geschlechtsverkehr. 15 Prozent der deutschlandweit Neuinfizierten sind heterosexuell – in Berlin liegt deren Anteil bei acht Prozent. Insgesamt leben in der Hauptstadt 7500 Menschen mit dem Virus: 6400 Männer, 1100 Frauen und 50 Kinder. 900 von ihnen sind an Aids erkrankt.

Die Gefahren der Immunschwächekrankheit gerieten bei vielen in Vergessenheit, sagt Viviane Bremer vom Robert-Koch-Institut (RKI). Gerade bei jungen Menschen lasse die Bereitschaft nach, sich zum Beispiel durch Kondome zu schützen. Außerdem verführten die neuen Aids-Medikamente unter Umständen zur Sorglosigkeit.

Das bestätigt auch Kai-Uwe Merkenich, Geschäftsführer der Berliner Aids-Hilfe. Gerade die Gruppe der 20- bis 29-Jährigen sei schlecht informiert und schütze sich beim Sex häufig nicht vor Ansteckung, sagte er am Mittwoch auf einer Pressekonferenz. Aber Aids ist nach wie vor tödlich. Jede Woche sterben in Berlin im Schnitt zwei Menschen daran.

Deshalb müssten auch wieder mehr Anstrengungen auf die Prävention gerichtet werden, sagt die RKI-Expertin Bremer. „Gerade im Bereich der Aufklärung wurde in der Vergangenheit viel Geld eingespart, weil man glaubte, das Problem im Griff zu haben.“ Das Gegenteil ist aber offenbar der Fall. Der Trend zu immer mehr Neuinfektionen sei stabil, sagt Bremer vorsichtig. Es sei wahrscheinlich, dass 2005 noch mehr positive Aids-Ersttests registriert werden.

Aber nicht nur die ungenügende Aufklärung spielt bei den steigenden Infektionszahlen eine Rolle. In einer Antwort auf eine Anfrage des SPD-Abgeordneten Andreas Pape verwies die Senatsgesundheitsverwaltung vor wenigen Tagen auf weitere Gründe. Weil die Überlebensdauer der HIV-Infizierten steige, wachse auch die Zahl der lebenden HIV-Infizierten und damit der „möglichen Infektionsquellen“. Außerdem steckten sich immer mehr Menschen mit sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis oder Gonorrhö an, was wiederum die Übertragung des HI-Virus erleichtere.

Die Aids-Prävention in Deutschland sei wirksam, heißt es aus der Senatsgesundheitsverwaltung. Die Aidszahlen lägen hierzulande weit unterhalb denen vergleichbarer westeuropäischer Staaten. Gleichzeitig hätte sich die Präventionsbotschaft für homosexuelle Männer sehr auf den Kondomgebrauch konzentriert. Doch man müsse stärker auf andere Infektionsrisiken wie Oralverkehr eingehen.

Beratung zu Aids unter Telefon 19411 (täglich 10 bis 24 Uhr). Im Internet unter www.berlin.aidshilfe.de. Auch ProFamilia berät: www.profamilia-berlin.de

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