Berlin : Fast schon ministrabel

Wird nicht noch Platz gebraucht für Beamte? Fürs Airport-Gebäude gibt es ausgefallene Ideen.

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Das marode Airport-Gebäude am Rande des Tempelhofer Flugfeldes wird zum Sitz des Bundesministeriums der Verteidigung. Um den noch auf der Bonner Hardthöhe angesiedelten Bediensteten den Umzug nach Berlin schmackhaft zu machen, werden ihnen gleich passende Wohnungen angeboten: Am S-Bahnhof Tempelhof mit Blick auf die Tempelhofer Freiheit. Beauftragt mit der Sanierung und Erweiterung des Gebäudes wird der frühere Umzugsbevollmächtigter der Bundesregierung und heutige Chef der Stiftung Berliner Schloss Humboldt-Forum, Manfred Rettig. Das ist alles aber nur eine Idee.

Eine „große Idee“, ein Vorschlag, wer das vor sich hin bröselnde Flughafengebäude nutzen soll, muss her – darüber sind sich Politiker, Architekten und Wirtschaftsexperten einig. Der Umzug von noch in Bonn befindlichen Ministerien ist so eine Idee. „Ich wette darauf, dass der Umzug kommt, die Frage ist nicht ob, sondern wann“, sagt etwas der Vize-Fraktionschef der CDU-Fraktion Stefan Evers. Deshalb habe das Bundesbildungsministerium sein neues Gebäude gleich so groß gebaut, dass noch Platz ist und die Flächen mit zeitlich befristeten Verträgen vermietet sind. Das Jahr 2019 ist ein möglicher Termin: Dann wird der Länderfinanzausgleich neu ausgehandelt.

„Technisch gibt es nichts, was nicht möglich ist“, sagt der gelernte Bauingenieur Rettig. Die Frage sei nur, ob es funktioniert und ob es sich rechnet. Was alles geht, hat er bei der ersten Umzugswelle von Bonn nach Berlin gezeigt: Das Bundespresseamt ist ins Postscheckamt gezogen. Im früheren Regierungskrankenhaus, wo einst Sauerstoffanlagen und Stromaggregat wie aus Frankenstein-Filmen standen, arbeitet nun das Wirtschaftsministerium.

In Berlins Baugeschichte gibt es viele Beispielen von Umnutzungen: Der Marstall, in dem zu Kaiserzeiten die Pferde der Garde standen, ist heute eine Musikschule. Wo früher die Waffen der Preußischen Armee gelagert wurden, sind heute Gemälde und Skulpturen zu besichtigen, das Zeughaus ist ein Museum. Ist das nicht teuer und im Betrieb unwirtschaftlich? „Nicht unbedingt, aber eine Umnutzung ist auch nicht billiger als ein Neubau“, sagt Rettig. Als Kritiker moderner Baukunst will er keinesfalls missverstanden werden und Berlin brauche auch spektakuläre Neubauten im Wettbewerb der Metropolen. Die Frage, ob und wie ein Altbau von einem Ministerium oder einer Bibliothek genutzt wird, wird vor allem politisch beantwortet. Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (SPD) wohnt bei Bonn und die CDU will im bevölkerungsstarken Rheinland niemanden brüskieren – deshalb kommt ein Umzugsszenario vor der Bundestagswahl ungelegen. Und in Berlin ist es in Koalitionskreisen ein offenes Geheimnis, dass sich der Regierende ein Denkmal setzen will mit einem Neubau für die Zentral- und Landesbibliothek – nach dem Vorbild der Bibliothèque Nationale de France des Ex- Staatspräsidenten François Mitterrand. „Die große Eile, mit der das ZLB-Projekt vorangetrieben wird, wirft schon Fragen auf“, sagt die Präsidentin der Architektenkammer Christine Edmaier. Bei der Nutzung des Gebäudes schlägt die Kammer-Präsidentin vor, die Phantasie spielen zu lassen. Statt den Umbau zu Wohnungen kategorisch abzulehnen, könnten auch Mischformen aus Wohnen und Arbeiten, wie im Fall des Deutsches Architekturzentrums zum Erfolg führen. Die Räume in dem Gebäude waren den Nutzern im Rohzustand übergeben worden. Einige hatten sie zu Büros, andere zu Wohnlofts ausgebaut, Künstler auch als Ateliers mit Wohnung.

Zu den radikalsten Konzeptionern gehören die Graft-Architekten vor einigen Jahren: Sie schlugen die Zusammenlegung von Zoo und Tierpark in dem Gebäude und auf dem Vorfeld vor. „Auf jeden Fall braucht es eine große kraftvolle Idee“, sagt Thomas Willemeit von Graft. Es könnte auch ein „intelligent vernetztes“ neues Quartier sein. Ein neues Stück Stadt der Zukunft, ähnlich wie der Flughafen Tempelhof in den 1920er Jahren das Zeitalter des Flugverkehrs einleitete. Doch Berlin startet punktuell die Entwicklung von Teilflächen: ein bisschen Wohnungsbau hier, ein Wasserbecken da – und ein teuer bröselnder Event-Altbau mittenmang. Ralf Schönball

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