Berlin : Fasten, feiern und Familie

Heute beginnt der Ramadan – und das heißt: Essen erst ab Sonnenuntergang

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Wenn Männer in die Teestube kommen, nur um sich zu unterhalten, wenn Frauen kochen, ohne probieren zu dürfen, wenn Kinder aus Spaß mal mithungern – dann ist Ramadan, der neunte Monat im islamischen Kalendar, der Fastenmonat.

Heute früh um 5.33 Uhr ging es los und bis zum 13./14. November heißt es jetzt für rund 200 000 Moslems in Berlin: Von Sonnenaufgang bis untergang dürfen sie weder essen noch trinken noch außergewöhnliche Tätigkeiten verrichten. Allein der Alltag soll unbeeinträchtigt weitergehen: Läden öffnen, Betriebe arbeiten.

Nach einer deutschlandweiten Studie des Zentrums für Türkeistudien beteiligen sich rund 80 Prozent der Türken am Ramadan, auch wenn nur rund 30 Prozent regelmäßig beten. Ein Grund dafür sei auch der gesundheitliche Aspekt, den man dem Fasten beimesse, heißt es im Zentrum. Im vergangenen Jahr war es allerdings auch zum Streit um das rituelle Hungern gekommen, da Lehrer sich um Kinder sorgten, die vier Wochen lang ohne Frühstück zur Schule kamen und dem Unterricht nicht folgen konnten. In der Regel sollen sich aber erst Kinder ab der Pubertät am Fasten beteiligen.

Um Anfang und Ende der täglichen Fastenzeit kümmern sich die türkischen Medien in Berlin. Sie senden morgens und abends Tischgebete, die die nahrungslose Zeit begrenzen. Der türkische Fernsehsender TD-1 hat Imame bestellt, die live die Gebete sprechen. Besonders die neue Sehitlik-Moschee am Neuköllner Columbiadamm rechnet mit einem Besucheransturm. 1500 Personen fasst der Gebetsraum. Außerdem lädt die Moschee allabendlich arme Muslime zum Fastenbrechen in die Wiener Straße ein.

Beim türkischen Radiosender Metropol FM leistet man statt religiöser praktische Hilfe – und strahlt Menürezepte aus. Nach Sonnenuntergang werde traditionell im Familienkreis gut gegessen und nicht jede Hausfrau kenne genügend Gerichte, sagt Programmdirektor Tamer Ergün. Außerdem lädt der Sender jeden Donnerstag 100 Hörer zum Essen in ein Restaurant ein. Ergün vermisst in der Berliner Ramadanzeit geschmückte Straßen. Istanbul sei diesen Tagen herausgeputzt wie Berlin zu Weihnachten.

Immer wieder hört man den Vergleich von Ramadan mit der Weihnachtszeit. Es ist ein Konsumfest: Die Lebensmittelläden spekulieren auf saftige Umsätze, auch wenn sie dieses Jahr mit weniger rechnen – Hartz IV belastet auch die türkische Gemeinde. Ramadan ist ein Fest der Familie. Zuweilen komme es dabei – wie in deutschen Wohnzimmern auch – zum Streit, sagt Metropol-Mann Ergün. Aber die Türken seien traditionell mehr Familienmenschen als die Deutschen.

Nur in einem unterscheiden sich die Feste: Während Weihnachten so mancher Korken fliegt, halten sich zu Ramadan auch nicht so gläubige Moslems an das Alkoholverbot. ari/suz

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