Berlin : Fatales Mitleid

Psychisch gestörter Krankenpfleger ließ fünf schwerkranke Patienten sterben. Jetzt wird er wegen Totschlags angeklagt

Ingo Bach

Mitleid sei der Grund gewesen. Deshalb habe er die ihm anvertrauten Patienten getötet. Vor zwei Jahren gestand der ehemalige Krankenpfleger Thomas K., er sei verantwortlich für den Tod von fünf schwerstkranken Menschen zwischen 50 und 65 Jahren. Jetzt hat die Berliner Staatsanwaltschaft Anklage gegen den heute 30-Jährigen erhoben. Vorwurf: fünffacher Totschlag. Der Prozess vor dem Landgericht Tiergarten beginnt voraussichtlich Ende November, teilte die Justiz gestern mit.

Die Taten selbst liegen über sieben Jahre zurück. 1996 arbeitet K. als Pfleger auf der Intensivstation des Bundeswehrkrankenhauses in Mitte. Zwischen Januar und September 1996 soll er die fünf Männer getötet haben, in dem er Dosierung der angeordneten Medikamente entweder erhöhte oder sie absetzte. Täglich sterben Menschen auf Intensivstationen – deshalb fiel auch keinem Arzt oder Pfleger der Tod der Männer weiter auf.

Seit 1998 sitzt Thomas K. im Maßregelvollzug der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Reinickendorf. Aber nicht wegen der Tötung seiner Patienten, sondern wegen Brandstiftung in 35 Fällen. Für diese Taten sei der Mann aufgrund einer psychischen Krankheit schuldunfähig gewesen, urteilte das Landgericht Tiergarten damals. Drei Jahre später gestand Thomas K. seinen Betreuern, dass er fünf Menschen auf dem Gewissen habe. Weil sie ihm Leid taten, will er den leidenden Patienten Sterbehilfe geleistet haben. Laut Staatsanwalt hatte er aber auch persönliche Probleme und war mit seiner Arbeit überfordert. Laut einem psychiatrischen Gutachten sei K. für die Tötungen schuldfähig.

Die Ermittlungen haben zwei Jahre gedauert, weil sie sehr aufwändig gewesen seien, sagt Justizsprecher Björn Retzlaff. So konnte sich der Angeklagte nicht mehr an alle Namen seiner Opfer erinnern. Zum Teil mussten die Leichen exhumiert werden. Einer von ihnen war in der Türkei bestattet worden, ein anderer eingeäschert.

„Hätte er die Tötungen nicht gestanden, dann wären sie wohl nie ans Tageslicht gekommen“, sagt Retzlaff. Als Lehre aus solchen Fällen sollen die Totenscheine in Berlin jetzt geändert werden. Dann soll der Arzt, der das Ableben eines Menschen feststellt, als eine Möglichkeit auch den „Unerwarteten Tod im Rahmen medizinischer Maßnahmen“ ankreuzen können. Dann wird die Leiche von Gerichtsmedizinern begutachtet. „In den allermeisten Fällen ist ein Verdacht unbegründet“, sagt Volkmar Schneider, Chef der Gerichtsmedizin der Charité. Der geänderte Totenschein soll ab Ende diesen Jahres gelten. „Dann sind wir nach Bremen und Brandenburg das dritte Bundesland mit einer entsprechenden Regelung“, sagt Schneider.

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