Berlin : FDP: Aus dem Wahrnehmungsloch wieder aufgetaucht

Barbara Junge

Günter Rexrodt genoss den ungewohnten Auftritt im Team. Die 34-jährige Rechtsanwältin Gabi Heise zu seiner Rechten. Mehmet Daimagüler, ein 33 Jahre alter Angestellter aus der Medienbranche zu seiner Linken. Dazu noch junge aufstrebende Freidemokraten aus dem Internetgeschäft, aus der Bankenwelt. Als sich der Landesvorsitzende der Berliner FDP, Günter Rexrodt, in der vergangenen Woche als Spitzenkandidat präsentierte, glich dies einer idyllischen Aufstellung zum Familienbild. Der Papa präsentiert seinen hoffnungsvollen Nachwuchs. Seine "junge Truppe". Soviel FDP hat man in der gesamten Legislaturperiode nicht auf einem Haufen gesehen.

Die Liberalen waren von den Straßen der Stadt verschwunden. Im öffentlichen Bewußtsein hat die Partei, die bei den letzten Abgeordnetenhauswahlen gerade mal 2,2 Prozent der Wähler von sich überzeugen konnte, keinen festen Ort. Doch unverhofft ist Land in Sicht. Dank der Koalitionskrise scheint die FDP reanimiert. In den jüngsten Umfragen gaben immerhin sieben Prozent der Berliner an, die FDP möglicherweise wählen zu wollen. Darunter sogar fünf Prozent in Ostberlin, wo die FDP bislang fast unter der Wahrnehmungsgrenze lag. Und der Landesverband ist in den vergangenen Wochen um etwa 300 junge Leute gewachsen - immerhin ein Zehntel der Gesamtmitgliederzahl. Mit diesem Rückenwind probt die FDP jetzt das Stück "Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt".

Wenn es der Hoffnung auf die parlamentarische Wiederauferstehung dient, schmieden die Liberalen auch ungewohnte Allianzen. Seinen ersten großen Auftritt hatte Günter Rexrodt zum Auftakt der Initiative "Neuwahlen jetzt". In Tuchfühlung posierte er mit Gregor Gysi auf dem Alexanderplatz. Ob der Effekt indes die Sommerferien überdauert und für den Einzug ins Parlament reicht, daran zweifelt selbst die FDP, wie Wahlkampfmanager Knut-Michael Wichalski zugibt. Trotz des gemeinsamen Lächelns von Gysi und Rexrodt meint jedoch Landesvorstandsmitglied Martin Matz, ein Rezept zu haben: Diesmal könne man beschreiben, wozu man die FDP brauche. Nur mit ihr könne PDS verhindert werden.

Damit umschreibt Matz exakt das Problem, das die FDP in der Hauptstadt bislang hatte: Wozu braucht man die FDP? CDU und SPD waren sich über ein Jahrzehnt lang selbst genug. Die FDP sich auch. Denn die FDP machte in den vergangenen Jahren lediglich Schlagzeilen mit dem Kampf liberaler gegen strammkonservative Strömungen in den eigenen Reihen. Damit soll jetzt Schluss sein, verspricht Wichalski.

Ein Wählerpotenzial hat die FDP. Erste Umfragen zeigen, dass im Westen wie im Osten enttäuschte Anhänger der Union den Liberalen ihre Stimme geben könnten. Die Positionierung gegen die PDS könnte vielleicht auch noch Stimmen von abgewanderten Grünen-Wählern einbringen. Und auch in Berlin ist in den vergangenen Jahren die @-Generation gewachsen. Junge aufstrebende leitende Angestellte in spe aus den Internet- und Werbeunternehmen etwa. Die Klientel, für die Guido Westerwelle Parteivorsitzender geworden ist.

Da hat die Berliner FDP nur ein kleines Problem: Ihr Spitzenkandidat heißt nicht Guido Westerwelle. Er heißt Günter Rexrodt. Und der hatte seine beste Zeit als Bundeswirtschaftsminister im Kabinett Kohl. Doch man habe sich gefragt: Wer von uns kann mit dem Bekanntheitsgrad des PDS-Zugpferds Gregor Gysi mithalten? Wer repräsentiert den Unternehmer seriöser als der CDU-Kandidat Frank Steffel? Aus der Bundespartei wird noch eine andere Überlegung beigesteuert: Steht überhaupt ein anderer Kandidat zur Verfügung?

Doch wie bei CDU, SPD, PDS und Grünen macht sich auch die FDP-Spitze keine Illusionen über die Bedeutung dieser Berliner Wahl. Er gilt als Station zur Bundestagswahl. Der Wahlkampf wird deshalb kein Alleingang der Landesliberalen. Nicht umsonst hat Guido Westerwelle in den vergangenen Wochen mehrfach in die innerstädtischen Auseinandersetzungen eingegriffen. Insbesondere zum Thema PDS. Der Bundesvorsitzende wird sich auch in den Wahlkampf "massiv einschalten", wie Matz sagt. Und der Wahlparteitag, der noch nicht terminiert ist, wird eine Bühne für Westerwelle.

Den Rest soll eine Werbeagentur richten. Jürgen W. Möllemann war in Nordrhein-Westfalen die Selbsteuphorisierung gelungen war, indem ihm die Berliner Werbeagentur "Heimat" eine Acht-Prozent-Marke empfohlen hatte. Fast 10 Prozent der Wähler glaubten Möllemann und gaben der FDP ihre Stimme. Jetzt verhandeln die Berliner Liberalen unter anderem mit dieser Agentur. Und in Anspielung auf Möllemanns legendäre Fallschirmaktion verspricht Martin Matz: "Wenn wir Günter Rexrodt nicht dazu bekommen, mit dem Fallschrim abzuspringen, dann können wir dafür ja auch andere einfliegen, die das können". Rexrodt selbst würde man wohl höchstens einen Sprung von der Siegessäule zutrauen.

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