• Feier im Roten Rathaus - Am 30. Mai vor zehn Jahren wurde der letzte Magistrat Ost-Berlins gewählt

Berlin : Feier im Roten Rathaus - Am 30. Mai vor zehn Jahren wurde der letzte Magistrat Ost-Berlins gewählt

Brigitte Grunert

Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen und Parlamentspräsident Reinhard Führer baten "zu einem Rückblick auf die politischen Ereignisse im Mai 1990 in Berlin". So stand es etwas steif in der Einladung zum Festempfang. Im Roten Rathaus gedachten gestern Nachmittag aktive und ehemalige Politiker der Zeitenwende vor zehn Jahren. Nach der letzten - und einzigen freien - Ost-Berliner Kommunalwahl vom 6. Mai 1990 konstituierte sich dort am 28. Mai die Stadtverordnetenversammlung. Und dort wählte sie am 30. Mai den letzten Magistrat.

Die Hauptpersonen von damals und heute erinnerten in ihren Festreden an die kurzen, aufregenden Monate der Einheitswerdung. Diepgen war damals CDU-Oppositionsführer im Westen. Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD) war Stadtverordnetenpräsidentin, und Tino Schwierzina (SPD) wurde an seinem 63. Geburtstag zum Oberbürgermeister gewählt. Einer seiner Stadträte war aus dem Westen: der vormalige und spätere Senator Elmar Pieroth (CDU). Zur Vorbereitung der Einheit amtierten der SPD/CDU-Magistrat und die Stadtverordneten in enger Zusammenarbeit mit dem rot-grünen Momper-Senat und dem Abgeordnetenhaus bis zum 11. Januar 1991. An diesem Tag konstituierte sich das Gesamtberliner Parlament in der Nikolaikirche in Mitte.

Vom "Magi-Senat" war die Rede. "Wir hatten das große Glück, an einer wirklichen Zeitenwende agieren zu dürfen. Fast 60 Jahre Unfreiheit gingen zu Ende", meinte Schwierzina. Er empfinde "Bescheidenheit, weil der eigene Beitrag am großen Ganzen bei allem Einsatz doch so klein bleiben musste", andererseits aber "Stolz, weil die gestellte Aufgabe einmalig war und das auch bleiben wird." Er dankte ebenso wie Frau Bergmann für die Westhilfen.

Christine Bergmann hob besonders die Rolle von Walter Momper hervor: "Er hat uns Ostberliner und -berlinerinnen bestärkt, die eigenen Interessen zu vertreten. Er hat viel Kraft investiert in den besonderen Weg zur Einheit." Damit erinnerte sie zugleich an Meinungsverschiedenheiten mit der CDU West: "Wir wollten keinen Beitritt. In Berlin wollten wir in gleicher Augenhöhe zusammenkommen". Sie äußerte Stolz auf die friedliche Revolution - die östliche "Mitgift für den Prozess der Einheit". Nicht alle Träume von 1990 seien in Erfüllung gegangen. Es gelte, "Enttäuschung in Engagement zu verwandeln". Sie rief dazu auf, Vorurteile in West und Ost abzubauen und zur lebendigen Demokratie beizutragen.

Führer nannte die Wahl vom 6. Mai eine "eindrucksvolle Bestätigung und Bekräftigung des Weges in die deutsche Einheit". Die Ost-Berliner hätten die Entscheidungen in der großen Politik für Freiheit und Einheit erleichtert. Im Rückblick auf die Arbeit der Stadtverordneten meinte Führer selbstkritisch, man hätte "ein Stück mehr Offenheit und Unvoreingenommenheit" ins Abgeordnetenhaus "hinüberretten können". Und auch die einmalige Gelegenheit, überflüssigen Verwaltungsballast abzuwerfen, "blieb ja leider ungenutzt".

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