Berlin : Feierabend ohne Ende

Arbeitslosigkeit kann jeden treffen. Auch in der Mittelschicht ist sie inzwischen zum Alltag geworden. Wir haben uns umgesehen

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Fast jeder fünfte Berliner ist arbeitslos. Und jeden Tag kommen neue Meldungen von Firmen, die sparen, streichen und entlassen. Inzwischen hat die Arbeitslosigkeit auch die neue Mitte erreicht. Tausende Menschen, die fest überzeugt waren, sie könnten niemals in eine solche Situation geraten, finden sich jetzt auf den Fluren der Arbeitsämter wieder. Ob in der gutbürgerlichen Nachbarschaft, im Sportverein oder Freundeskreis: Die Mittelschicht bekommt die Flaute immer deutlicher zu spüren.

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Sie steigt fast jeden am Morgen in den Bus – so als wäre das Leben noch normal. Eigentlich merkt man es erst, wenn man die Frau einige Male auch um die Mittagszeit im Bus angetroffen hat oder mitten in der Stadt. Ich suche, sagt sie. Seit über zwei Jahren ist die Kauffrau arbeitslos. Ihr Mann ist noch beschäftigt und am Tag aus dem Haus, während der 40-jährigen Frau der Lebensinhalt abhanden gekommen ist. Deswegen fährt sie durch die Stadt – oft ziellos, gibt sie zu. Ich möchte unterwegs sein. Inzwischen würde ich alles annehmen, selbst irgendwo putzen – haben Sie was gehört? fragt sie. Bloß nicht zu Hause sitzen und warten, dass der Mann von seiner Arbeit nach Hause kommt.

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140 Quadratmeter Altbau in Charlottenburg, moderne Kunst an den Wänden, Designermöbel – warum auch nicht? Loretta B. (40) verdiente als Account-Managerin über viele Jahre gut in der IT-Branche , doch die zweite Entlassungswelle im Unternehmen riss dann auch sie mit. „Ich wollte die Chance nutzen, mich selbstständig zu machen“, sagt sie. Mit der Abfindung und ihrem Ersparten eröffnete Loretta B. vor knapp zwei Jahren eine Boutique am Adenauerplatz – und ging damit ein zweites Mal baden. Bevor sie sich hoffnungslos verschuldete, hat Loretta B. das Geschäft geschlossen; seit dem 1. März ist sie arbeitslos gemeldet. Ihre Hoffnung: „Mein Mann hat nächste Woche ein Vorstellungsgespräch.“ Der Vertriebsleiter für Software hat seinen Job vor gut einem Jahr verloren.

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Vor einigen Wochen gab es einen großen Aufschrei: Es wurde bekannt, dass zum neuen Schuljahr kaum neue Lehrer eingestellt werden können. Zur Begründung hieß es, dass viel weniger Leute in den Vorruhestand gehen als früher. Auch Teilzeit-Regelungen sind nicht besonders en vogue. Wer Lehrer fragt, warum sie bei voller Stundenzahl bis 65 durchhalten wollen, hört immer öfter, dass der Partner arbeitslos geworden ist: Die Familie lässt sich mit Teilzeitarbeit oder Pension eben nicht gut durchbringen. Auch die Junglehrer füllen jetzt die Arbeitsämter.

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Auch für die Schulkinder in den bürgerlichen Bezirken gehört die Arbeitslosigkeit inzwischen zum Alltag. „Wenn mein Papa wieder Arbeit hat, bekomme ich ein Fahrrad zum Geburtstag“, erzählt Lisa ihrer Freundin. Ihr Vater ist Diplom-Ingenieur und wurde vor über einem Jahr aus betriebsbedingten Gründen gekündigt. Bislang war die Jobsuche erfolglos. Vielen in der Klasse geht es nicht anders. Mindestens jedes fünfte Kind hat dort schon mit Arbeitslosigkeit eines Elternteils zu tun gehabt. Ninas Mutter verlor vor zwei Jahren ihre Stelle als Bürokauffrau. An einen festen Job war seitdem nicht mehr zu denken. Jetzt arbeitet sie auf 400-Euro-Basis. Oft fällt die Arbeitslosigkeit der Eltern dann auf, wenn die Kinder nach der Schule nicht mehr zum Hort oder zur Tagesmutter gehen. So war es bei Saskia – der Vater war jetzt auch am Nachmittag zu Hause.

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Unse r Freundeskreis dünnt aus. Zwei komplette Familien verlassen die Stadt, die ihnen keine Perspektiven mehr bietet. In einem Fall ist es eine Flucht vor Vivantes: Der Spardruck in den Krankenhäusern vergiftet das Arbeitsklima unter den Ärzten , jeder fürchtet die Entlassung: Da gehen unsere Freunde lieber nach Hessen, wo sie immerhin eine Arztpraxis übernehmen können. Die andere Familie geht, weil auch das Bankenwesen leidet: Nicht nur Filialen, ganze Abteilungen in den Hauptverwaltungen sind abgewickelt worden. Jeder kann der Nächste sein, wenn es wieder mal eine Entlassungswelle gibt. Jetzt verkaufen beide Familien ihre Häuser, die sie mit viel Mühe ausgebaut haben. Der Erlös liegt weit unter dem Kaufpreis. Auch der Immobilienmarkt liegt eben am Boden.

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1000 Euro – mehr konnten Peter S. und Stefan R., Inhaber einer Werbeagentur , im letzten Monat nicht überweisen. 1000 Euro, um davon Krankenversicherung, Miete, Altersrückstellungen und ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Das reicht vorne und hinten nicht. Die Krise im Design- und Medienbereich hat nach neun Jahren Selbstständigkeit auch ihre Agentur erfasst. Die Branche habe derzeit vor allem darunter zu leiden, dass viele Ein-Mann-Agenturen auf den Markt drängen, die Leistungen zu Dumping-Preisen anbieten. „Vor vier Jahren waren wir noch neun, jetzt sind wir fünf feste Angestellte“, sagt Stefan R. – und fügt hinzu: „Tendenz abnehmend.“

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Die Vorboten standen plötzlich täglich in der Tür des Architekturbüros : Eine Rolle mit den Entwürfen unterm Arm, die Bewerbungsmappe in der Hand. „Brauchen Sie jemand?“ Damals hatte Jürgen K. (51) noch gut zu tun, er beschäftigte acht Angestellte und fuhr Cabrio. Schnee von gestern. „Von der Architektur kann ich längst nicht mehr leben“, sagt er. Die meisten seiner damaligen Kollegen seien heute erwerbslos, die jüngeren Architekten arbeiteten „völlig unterbezahlt“ in einem der großen Büros. Jürgen K. hat stattdessen umgesattelt: Er tourt derzeit als Handelsvertreter durch die Republik.

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Früher wurden im Tennisverein nur die neuesten Schlägermodelle ausgetauscht, heute sind es vor allem die Seiten mit Stellenanzeigen in den regionalen und überregionalen Tageszeitungen. Doris F. ist froh, dass sie den Verein hat: „Das lenkt ein wenig von der frustrierenden Jobsuche ab.“ Die 53-jährige Bauingenieurin ist seit drei Jahren arbeitslos, ihr Mann Gerhard (55) hat seinen Job als Elektroingenieur erst vor einem halben Jahr verloren. Sie sind nicht die Einzigen im Verein: Ede (52), der Elektriker , sucht seit sechs Jahren eine neue Beschäftigung, seine Frau Petra (45), die als Buchhalterin arbeitete, hat gerade den Wiedereinstieg geschafft. „Wir haben auch einen arbeitslosen Banker, aber dem fällt es schwer, darüber zu reden“, erzählt Doris F. Noch reicht ihr Geld für den Mitgliederbeitrag. Und wenn nicht, sagt sie ein wenig sarkastisch, müsse sie eben die Pokale verkaufen, die sie neuerdings bei Freizeitturnieren einheimst: „Ich spiele sehr viel besser Tennis als je zuvor – hab’ ja genügend Zeit zum Trainieren.“

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Unser Freund ist ein Selfmademan. Er hat geschuftet wie ein Pferd und es zu einem imposanten Catering-Unternehmen gebracht. Er ging ein und aus, wo immer was los war, sorgte fürs Essen, Trinken, gute Gespräche. Vor zwei Jahren fing es dann an: Immer häufiger gingen Aufträge an ihm vorbei – an billigere Anbieter. Er hat versucht gegenzusteuern. Hat seine Angebote abgespeckt. Hat zu Empfängen Mettwurstbrötchen geliefert, wo noch vor kurzem Lachs gefragt war. Und immer noch heißt es: „Die anderen sind billiger.“ Die anderen – das sind Ein-Mann- Betriebe, die zu Hause auf dem Familienherd die Gulaschsuppe kochen. „In dieser Stadt ist nichts mehr los“, sagt unser Freund. Er hat die Hälfte seiner Belegschaft entlassen müssen.

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„Tut mir Leid, aber Sie müssen nochmal zu zwei Kollegen anderer Fachrichtungen und natürlich zur Apotheke – obwohl das Zeit kostet.“ Bisher hatte die HNO-Ärztin Sabine F. bei etlichen Patienten mit verantwortungsvollen Jobs allen Grund zu entschuldigenden Worten. Doch seit einem Jahr erlebt sie in ihrer Praxis im Süden Berlins dabei immer öfter überraschende Szenen. „Manche Leute“, sagt sie, „stehen plötzlich völlig fassungslos vor mir und erklären, ihre Anstellung sei weg. Sie hätten ja jetzt so viel Zeit wie noch nie.“ Ein Manager eines Elektrokonzerns war darunter, ein Historiker , dessen Verlag Lektorenstellen abbaute, ein Texter aus der Werbebranche…

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Es dauert eine ganze Weile, bis man begreift, dass die Arbeitslosigkeit auch den eher gutbürgerlichen Randbezirk Berlins erreicht hat. Eines Tages fällt auf, dass in der Nachbarschaft vor vielen der Einfamilienhäuser auch an Wochentagen morgens um acht noch immer Autos stehen – so, als hätten die Besitzer Urlaub, oder als sei Sonntag. Dann begegnet einem ein Anwohner, der seinen Hund ausführt – und man wundert sich, warum das plötzlich nicht mehr seine Frau macht. Er bleibt nicht allein. Drei anderen Nachbarn hat der Chef eine Frühverrentung nahe gelegt. Einen anderen entdeckt man gegen halb neun beim Schneefegen. Noch vor einem Jahr war er um diese Zeit schon eine Stunde unterwegs. Nur noch drei Männer in der Straße setzen sich frühmorgens ins Auto und fahren weg. Die Arbeitslosigkeit ist dort angekommen, wo wir nie erwartet hätten, ihr jemals zu begegnen: in unserer Nachbarschaft. Tsp

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