Berlin : Feige oder berechtigte Angst?

NAME

Von Kerstin Gehrke

Als vor vier Jahren zwei Gangster die Wirtin eines Lokals in Prenzlauer Berg halbtot schlugen, standen die vier Angeklagten tatenlos vor dem Haus. Waren die Polizeibeamten feige und dachten nur daran, sich selbst keiner Gefahr auszusetzen? Seit gestern geht das Amtsgericht Tiergarten in einem ungewöhnlichen Prozess um „Körperverletzung im Amt durch Unterlassen" dieser Frage nach. Was in den Köpfen der vier Angeklagten - drei Männern und einer Frau - vorging, erfuhren die Richter allerdings nicht. Die 25- bis 40-Jährigen verweigerten zu Prozessbeginn die Aussage.

Es waren am späten Abend des 9. Juni 1998 bis zu 17 Polizisten vor dem Lokal „Droschkenkutscher" an der Malmöer Straße. Der Überfall auf die damals 54-jährige Wirtin Barbara F. dauerte insgesamt etwa zwanzig Minuten. Die ersten Beamten aber waren schnell vor Ort. Doch während einer der beiden Räuber die Spielautomaten knackte und der andere brutal auf die Wirtin eintrat, standen die Beamten vor dem Haus – eine Viertelstunde lang. Sie machten sich nicht einmal durch eine Megafon-Durchsage bemerkbar.

Die Frau wimmerte und schrie vor Schmerzen. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft hörten das einige der Polizisten. Als eine Nachbarin der Wirtin die Polizei alarmierte, war klar, dass Menschen in dem Lokal in Gefahr sind. Doch der Einsatz verlief unkoordiniert, offenbar chaotisch. Eine am Einsatz beteiligte Beamtin sagte im Prozess als Zeugin: „Während des gesamten Einsatzes wusste ich nicht, dass es ein Opfer gab." Sie habe zwar durch einen Gardinenspalt zwei Männer im Lokal gesehen, aber nichts gehört. Auch gegen diese Zeugin liefen zunächst Ermittlungen, die aber eingestellt wurden.

In der Stadt hatte es große Empörung über die als „feige" bezeichneten Polizisten gegeben. Aus notweniger Eigensicherung hätten die Beamten auf ein angefordertes Sondereinsatzkommando (SEK) gewartet, hieß es aus Polizeikreisen. Die Staatsanwaltschaft allerdings geht davon aus, dass zumindest die vier Angeklagten, die zu den ersten Beamten am Tatort gehörten, entgegen ihrer polizeilichen Hilfspflicht nicht eingegriffen haben. Im Mittelpunkt habe für die Polizisten gestanden, „sich selbst keiner Gefahr auszusetzen", hieß es in der Anklage. Erst als die Räuber mit einer Beute von 2200 Mark das Haus verließen, wurden die Beamten tätig und nahmen die beiden Männer fest. Barbara F. lag mit lebensgefährlichen Kopfverletzungen hinter dem Tresen. Sie fiel ins Koma. Gesund wurde sie nicht mehr - Barbara F. ist psychisch behindert und bis heute auf Betreuung angewiesen.

Die beiden Räuber sind Ende 1998 zu jeweils 13 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der Richter hatte die Polizisten im Urteil als „Chaotenhaufen" bezeichnet. Sie hätten sich in geradezu grotesker Weise ungeschickt verhalten. Bei einem koordinierten Arbeiten hätten die Beamten nach ein oder zwei Tritten eingreifen können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben