Berlin : Feindliche Übernahme

Das alte Staatsratsgebäude ist renoviert. Bald werden hier Manager ausgebildet

Sebastian Leber

Hammer, Zirkel und Ährenkranz an der Wand stören Wulff Plinke nicht. Ganz im Gegenteil. „Wir respektieren die Geschichte des Gebäudes und wollen darauf aufbauen“, sagt er. „Natürlich nicht in ideologischer Hinsicht.“

Das hätte wohl auch niemand vermutet: Plinke ist Gründungsdekan der „European School of Management and Technology“ (ESMT), die am 8. Januar ihren Unterricht im frisch sanierten Staatsratsgebäude am Schloßplatz aufnimmt. Wo früher Walter Ulbricht und Erich Honecker ihren Amtssitz hatten, werden nun jährlich bis zu 40 Führungskräfte der Wirtschaft ausgebildet. Dazu musste das Gebäude 22 Monate lang umgebaut und modernisiert werden, seit gestern ist die ESMT offiziell Hausherr. Weil das Gebäude unter Denkmalschutz steht, sind manche Räume originalgetreu erhalten geblieben. Nur die Nutzung hat sich stark verändert: Der „Diplomatensaal“ im ersten Stock, in dem zu DDR-Zeiten Staatsgäste empfangen und geehrt wurden, dient künftig als Lesesaal, Honeckers Amtszimmer wird zur „Lounge zum Entspannen zwischen zwei Lerneinheiten“. Im „Bankettsaal“ im zweiten Stock befinden sich jetzt zwei Hörsäle, oval geschnitten und mit neuester Technik ausgestattet. Und eben mit dem DDR-Wappen an der Wand. Das war in den vergangenen Jahren mit großen Tüchern abgehangen: Zwischen 1999 und 2001 hatte nämlich auch Bundeskanzler Gerhard Schröder in dem Gebäude übergangsweise seinen Amtssitz. Der Kabinettstisch steht immer noch im ersten Stock und soll demnächst für Besprechungen genutzt werden.

Der berühmte Kinosaal ein Stockwerk höher wurde bisher ebenso wenig renoviert wie der eigentliche Staatsratssaal: Beide dienen zurzeit als Lagerräume, die Umbauarbeiten dauern mindestens zwei Jahre, sagt der britische ESMT-Präsident Derek Abell. Und weil hinter dem Gebäude am Schloßplatz eine große Freifläche liegt, hat die Hochschule sogar Platz für eventuelle Erweiterungsbauten. „But this is Zukunftsmusik.“ Für den 4. Februar ist erstmal ein Tag der offenen Tür geplant – „die Berliner haben ein Recht zu erfahren, was hier passiert“. Dann können auch die Glasmalereien an den Fenstern im Treppenhaus bewundert werden: Die zeigen schwer bewaffnete Kämpfer mit roten Flaggen und streikende Arbeiter. „Auch das ist ein Denkmal“, sagt Dekan Wulff Plinke. „Nehmen wir es als solches.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben