Feinstaubwerte gestiegen : Wie wirksam ist die Umweltzone?

Berlins Feinstaubwerte sind gestiegen. Jetzt zweifelt der ADAC an der Wirksamkeit der Berliner Umweltzone. Rot-Rot nennt die ADAC-Kritik dilettantisch. Die Berliner Umweltzone ist die größste Deutschlands.

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Die Feinstaubwerte in Berlin sind erneut gestiegen. Jetzt wird über die Wirksamkeit der Umweltzone gestritten.
Die Feinstaubwerte in Berlin sind erneut gestiegen. Jetzt wird über die Wirksamkeit der Umweltzone gestritten.Foto: dpa

Ist die Luft in Berlin durch die Umweltzone sauberer geworden? Darüber wurde am Wochenende heftig gestritten. Der ADAC ging in die Offensive und bekräftigte seine Kritik, die am 1. Januar 2008 innerhalb des S-Bahnrings eingeführte Umweltzone sei wirkungslos. Nach den neuesten Messungen des Umweltbundesamtes habe die Belastung mit Feinstaub an einigen Hauptstraßen sogar noch zugenommen. Die Senatsumweltverwaltung sowie Sprecher der rot-roten Regierungsfraktionen bezeichneten am Sonntag die Schlussfolgerungen des ADAC als „dilettantisch und zu kurz gegriffen.“ Die Auswirkungen verschiedener Wetterlagen oder die Zufuhr belasteter Luft aus Schlesien und Böhmen bei ungünstigen Windrichtungen blieben unberücksichtigt.

Seit knapp drei Jahren gelten in Berlin strenge Auflagen: Benziner dürfen nur noch mit geregeltem Katalysator innerhalb der Umweltzone unterwegs sein. Dieselfahrzeuge mussten von 2008 bis Ende 2009 mindestens die Abgasnorm Euro II erfüllen, um die grüne Plakette zu bekommen. Seit 2010 wurden die Bedingungen für Dieselmotoren aber nochmal verschärft. Seither muss jedes Dieselfahrzeug einen zusätzlichen Partikelfilter (DPF) haben, weil dadurch der Ausstoß der besonders gesundheitsschädlichen winzigen Rußteilchen ums zehnfache verringert wird.

Als Argument gegen die Umweltzone führt der ADAC unter anderem die Messwerte an der extrem stark befahrenen Frankfurter Allee in Friedrichshain an. Dort wurde die vorgegebene Feinstaub- Grenze der Europäischen Union (EU) in diesem Jahr bereits an 48 Tagen überschritten. Gemäß der EU-Richtlinie dürfen aber nur an maximal 35 Tagen pro Jahr mehr als 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter in der Luft sein. 2009 hätten die Messstationen an der Allee an 39 Tagen Überschreitungen registriert und 2008 nur an 24 Tagen, heißt es weiter. Der offensichtliche Anstieg widerspreche also den hohen Erwartungen, die man in die Umweltzone gesetzt habe.

Diese Darstellung relativiert sich allerdings, wenn man in den Vergleich auch das Jahr 2006 einbezieht. Damals gab es an der Frankfurter Allee an 70 Tagen zu hohe Feinstaubkonzentrationen. Hauptgrund war der heiße Sommer, denn Staubpartikel schweben bei Trockenheit lange in der Luft. Auch zu Beginn dieses Jahres spielte das Wetter eine wichtige Rolle beim außergewöhnlich starken Anstieg der Staubwerte. Zum einen lastete lange Zeit trockene, eiskalte Winterluft in den Straßenschluchten. Dichter Hochnebel hielt die Luft am Boden, es gab kaum Windbewegungen und Feuchtigkeit, die Staubpartikel verteilt und gebunden hätten. Zusätzlich transportierte ein Südostwind verschmutzte Luft aus den schlesischen Industrieregionen nach Berlin.

Wegen dieser Einflüsse lässt sich der Effekt der Umweltzone aus Sicht des Senates und der Umweltexperten der rot-roten Koalition nur „mit großflächigen Vergleichen der Ergebnisse aller 13 Messstellen fundiert feststellen.“ Dabei müssten auch das Wetter und die generelle Abnahme des Verkehrs berücksichtigt werden. Im April 2009 ging die Umweltverwaltung erstmals entsprechend vor – und kam zu einem positiven Ergebnis. Nach der damaligen Bilanz sank die Belastung durch verkehrsbedingte Rußpartikel in Berlin seit 2008 um 14 bis 22 Prozent. Und jetzt, zum Jahresende, zeichne sich ein weiterer Fortschritt ab, sagte am Sonntag Behördensprecherin Regina Kneiding. „Die Berliner Kfz-Flotte wurde durch den Druck der Umweltzone stark modernisiert.“ Schon 99 Prozent der Pkw erfüllten die Abgasnormen.

Für Kathi Seefeld von der Linken und SPD-Mann Jürgen Radebold im Abgeordnetenhaus ist dies die wichtigste Entwicklung. Aus beider Sicht sind alle Messungen und Vergleiche zweitrangig. „Ohne die strengen Auflagen“, sagen sie, „gäbe es doch auf jeden Fall noch mehr Feinstaub in der Luft.“

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