Berlin : Feldgrashüpfer als Dampflok

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In Berlin werden die bundespolitischen Weichen gestellt. Man nenne mir eine andere deutsche Stadt, in der es mehr tote Gleise gibt. Als wir noch eine grundgesetzlich verbriefte Hauptstadt im Wartestand waren, hatte Berlin den toten Gleisen ein neues, unvergleichliches Leben zugestanden. Mutter Grün machte sich dort breit, wo einmal die Eisenbahn spurte–zwischen Strängen des Gleiskörpers. Was sich heute wie eine langsam fahrende Dampflok anhört, ist der Ruf des Feldgrashüpfers. Er hat gut rufen; denn ihn stört dabei keine noch so langsame Lok. Die einst eisernen Schrauben zerbröseln, haben auch keinen Halt mehr in den morschen, teils zerfaserten Schwellen. Ich streifte durchs Schöneberger Südgelände. Hier rollten vor genau 50 Jahren die letzten Züge vom Anhalter Bahnhof südwärts. Das Gleis ist als Sinnbild immer betrüblich: aufs Abstellgleis geschoben, aufs tote Gleis – schwarz umrandete Gleisbilder. Wo es doch eigentlich für Verbindung steht. Aber gerade deshalb sind tote Gleise, Abstellgleise, das Gegenteil der verbindenden Gleisbestimmung. Hier im Südgelände zähle ich ein Dutzend rostiger Stränge. Als Kind machte es mir Spaß, das Ohr aufs blanke Gleis zu legen, um den noch weit entfernten, noch nicht sichtbaren Bummelzug summen zu hören. Dieses und das Summen der Telegrafenleitungen zwischen Bahnböschung und Feld sind mir als sommerliche Elfentöne in Erinnerung. Und die Lerche schwingt sich in die Luft und gibt dem Summen die Oberstimme. Auf einem Spaziergang durch den Naturpark Südgelände werden solche Erinnerungen zu frischen Empfindungen. Und ich höre mich die Melodie Rudolf Mauersbergers, des früheren Leiters der Dresdener Kruzianer, pfeifen: Geh’ aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerszeit…Seltsam, und dennoch fällt mir als Gegenbild einer besinnlichen Gleisbetrachtung ein, was Joseph Roth geschrieben hat (übrigens ein Ausrutscher dieses ansonsten verehrten Schriftstellers). Er hatte in der Frankfurter Zeitung im Juli 1924 ein Bekenntnis zum Gleisdreieck vom Stapel gelassen, eine trunkene Lobpreisung technischen Fortschritts als konstante Stärke der eisernen Konstruktion, deren Materie kein Erschlaffen kennt, kein Beweis für Totsein. Sein Gleiskoller gipfelte in machtvollen Dimensionen für die künftige Welt. Er hatte 1924 offenbar keine Vorstellung von der Macht des Kraftverkehrs, der heiligen Kuh unserer Gegenwart. Roth sah schüchterne und verstaubte Gräser zwischen den metallenen Schwellen blühen. Den Schluss seiner Hymne können wir uns aktuell zurechtbiegen, wenn er schreibt: Die „Landschaft“ bekommt eine eiserne Maske. Freilich nicht so auf dem Schöneberger Südgelände, wo klugerweise Mutter Grün nicht dazwischen gefunkt wurde. Dort dankt sie uns das vielfarbig, vielstimmig und vielfältig. Es melden sich Dorngras- und Mönchsgrasmücke, denen der kleine Zaunkönig stimmstark dazwischentönt. Und Nachtigall ick hör dir laufen – aus das Bächlein tust du saufen – eine altberliner Variation auf des Knaben Wunderhorn: Nachtigall, ich hör dich singen, das Herz möcht’ mir im Leib zerspringen.

Wenn erst, so lesen wir an einer Tafel, das Alt- oder Totholz Höhlungen gäben, werde sich auch der Trauerschnäpper hier einfinden. Er fehlt also noch der geschützten Frohnatur. Nun ist ja nicht jeder geschult, die Schnäpper und Grasmücken aus dem Chor unserer gefiederten Freunde herauszuhören. Wie ja auch nicht alle alle Pflanzen und Blumen beim botanischen n zu nennen imstande sind. Ob sie nun Wilde Möhre heißen oder Gelbe Nachtkerze, Rispen-Flockenblume oder wie auch immer: Sie leuchten und danken es uns, hier als gefährdete Arten Schutz gefunden zu haben. Solcher Sicherheit wohl recht gewiss, lief ein Mäuschen unerschrocken zwischen meinen Füßen einem Habichtskraut entgegen. Sie waren miteinander verabredet.

99 ZEILEN SCHWERK

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