Berlin : Feldpost-Archiv: 40 Milliarden Briefe über die Feldpost

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"Ich kann stillstehen, Schnabel halten, laut Scheiße brüllen, den inneren Schweinehund auf ein Minimum reduzieren und wie ein geölter Blitz über den Kasernenhof sausen", beschreibt Willi, gerade eingezogen, 1943 in einem Feldpostbrief das Leben beim Militär. Diese Briefe geben einen Eindruck vom Alltag der Soldaten. Die Antworten ihrer Familien zu Hause zeigen, wie das Leben in Deutschland während des Krieges aussah. 30 bis 40 Milliarden Briefe beförderte die deutsche Feldpost im zweiten Weltkrieg zwischen der Front und den Familien der Soldaten zu Hause. Der gewöhnliche Soldat war nur für zwei Wochen im Jahr auf Heimaturlaub, den Rest des Jahres spielte sich das Familienleben auf dem Papier ab. Viele Ehepaare schrieben sich jeden Tag. Reiches Quellenmaterial für Historiker, sollte man meinen. Aber in den Archiven lagern nur etwa 100 000 Briefe aus der Zeit von 1939 bis 1945, viel weniger als zum Beispiel aus dem ersten Weltkrieg. Ein Forschungsprojekt der TU Berlin und der Universität Potsdam will diese Lücke jetzt füllen.

Projektleiterin Katrin Kilian, die über Feldpostbriefe promoviert, kam über persönliche Erfahrungen zu diesem Thema. Im Nachlass ihrer Mutter fand sie Briefe ihres Großvaters, der 1945 in Danzig kämpfte. Beim Lesen dieser Briefe bekam sie einen Eindruck vom Kriegsalltag, den sie in der Schule und im Studium nie kennen gelernt hatte. Geschichte von unten. Jetzt will sie möglichst viele Briefe aus dem Zweiten Weltkrieg sammeln. Am Ende soll ein Feldpostarchiv im Internet stehen.

Anhand der katalogisierten Briefe können die Forscher dann zum Beispiel herausfinden, wie sich die Stimmung in der Bevölkerung veränderte, was die Menschen über den Krieg dachten. Oft sagen sie das trotz der drohenden Zensur erstaunlich offen: "Normale Menschen können doch so etwas überhaupt nicht machen!", schreibt ein Soldat aus Russland über den Krieg.

Die Forscher bitten jetzt darum, ihnen Feldpostbriefe zur Verfügung zu stellen. Wer seine Briefe behalten möchte, bekommt sie zurück, wenn Kopien gemacht worden sind. Im Internet stehen die Briefe später anonymisiert, nur der Vorname und der Anfangsbuchstabe des Nachnamens sind erkennbar.

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