Ferien-Rückblick : Zurück aus dem Urlaub? Das haben Sie verpasst

Von wegen Sommerloch: Trotz der Ferien war einiges los in Berlin – für alle, die jetzt erst in die Stadt kommen, hier die Höhepunkte.

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Sommerfrische. Auch auf dem Tempelhofer Feld ist der Übergang vom Sommer zum Herbst zu spüren.
Sommerfrische. Auch auf dem Tempelhofer Feld ist der Übergang vom Sommer zum Herbst zu spüren.Foto: Sophia Kembowski / dpa

So, jetzt zählen wir alle mal mit: drei Millionen, fünfhundertzwanzigtausend, einunddreißig. Gut, die einunddreißig können wir auch gleich wieder knicken, denn dies war die Einwohnerzahl Berlin Ende 2015, und monatlich kommen momentan so um die 4000 dazu. Mit dieser Zahl vom Amt für Statistik wurden unsere Politiker, sofern zuständig, vor sechs Wochen in die Ferien entlassen. Hausaufgabe: Wohnraum schaffen für die und alle, die noch kommen.

Auch die Polizei schiebt noch eine Statistik ins mutmaßliche Sommerloch, den Kriminalitätsatlas: Am gefährlichsten ist Berlin mittendrin, dort, wo die Touristen flanieren. Mitte eine No-go-Area? So weit geht dann doch niemand. Grundsätzlich gilt: Drinnen passieren mehr Drogendelikte und Taschendiebstähle, draußen mehr Einbrüche. Am 26. Juli rückt die Polizei massiv bewaffnet zum Franklin-Klinikum in Steglitz aus, wo geschossen wird. Die Nachricht, ein 72-jähriger Patient habe einen Arzt und dann sich selbst getötet, löst in diesen aufgeheizten Zeiten paradoxerweise eine Art Erleichterung aus: Wenigstens kein Terrorismus.

Einen Tag später am 27. Juli zeigt der verkorkste Sommer, was so alles machbar ist: Fünfeinhalb Stunden Ausnahmezustand bilanziert die Feuerwehr nach einem heftigen Unwetter, das frech zur Kaffeezeit anrückt und Bilder produziert wie aus Florida oder Guatemala: Der Gleimtunnel in Wedding wird durch übereinandergeschobene Autos blockiert, was die bislang ungelöste Frage aufwirft, wem dieser Tunnel eigentlich gehört. Denn derjenige müsste aufräumen.

Wahlkampf? Aber es sind doch Sommerferien!

Wahl am 18. September – das heißt Wahlkampf im Sommer, wenn überhaupt niemand da ist. Egal, die Plakate müssen raus, und die SPD stellt ihre Müller-Plakate vor, die den Regierenden ein wenig im Unscharfen belassen, dafür aber Lebensgefühl transportieren sollen. Ähnliches will auch der „Zug der Liebe“, der am 30. Juli knapp 15 000 Verliebte auf die Straße bringt.

96 Ortsteile, 96 Bilder, 100 Prozent Berlin
Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten Bilder aus dem hippen/dreckigen/juten, alten Neukölln (je nach Alter und Herkunft).Und stellen zwei knifflige Fragen: In welchem Ortsteil steht das Karstadt am Neuköllner Hermannplatz? Genau, in Kreuzberg (der Bürgersteig ist die Grenze, das überragende Dach gehört zu Neukölln). Und wer sind die beiden Figuren in der Mitte? Das "tanzende Pärchen" steht dort seit den 80ern, erschaffen wurde es von Joachim Schmettau und drehte sich früher sogar mal. Moment: Joachim Schmettau ... Schmettau? Ja, genau, das ist auch der Mann vom markanten Wasserklops am Europa-Center.Weitere Bilder anzeigen
1 von 96Foto: Kitty Kleist-Heinrich
14.01.2016 08:38Neukölln, Ortsteil Neukölln. Große Güte, was sollen wir denn noch schreiben über Neukölln? Ach, zeigen wir lieber die besten...

Anfang August kracht der Flughafen Tegel urlaubsbedingt aus allen Nähten, aber beim BER-Projekt wird wenigstens mal wieder ein neues Licht am Ende des Tunnels angemacht: Die EU-Kommission erlaubt den Eigentümern, der Gesellschaft weitere 1,1 Milliarden Kredit und Bürgschaften in gleicher Höhe zu geben, womit der Gesamtkostenrahmen auf 6,9 Milliarden Euro wächst. Geld gibt es auch für die Stadtmission, der Außenminister Steinmeier seinen „Europapreis für politische Kultur“ spendiert, immerhin 50 000 Euro.

Im Hintergrund grummelt, von den Ferien unbeeindruckt, das Flüchtlingsthema und liefert reichlich Geschichten und Schlagzeilen. In der Nacht zum 8. August geraten in einer Unterkunft in Buch Wohncontainer in Brand. Sechs Bewohner erleiden Rauchvergiftungen, viel mehr müssen umziehen. Auch im Wahlkampf riecht es streng nach Rauch: Erst fackeln Unbekannte den Wahlkampfbus des CDU-Manns Thilo-Harry Wollenschlaeger ab, dann verursacht der junge Neuköllner Christdemokrat Onur Bayar fast einen Unfall, weil jemand einen Reifen seines Auto zerstochen hat.

Währenddessen räumt Andreas Knieriem in geduldiger Groß- und Kleinarbeit Zoo und Tierpark auf. Obwohl vieles noch im Ideenstadium verharrt, wirkt sein guter Ruf schon nachhaltig: Zum ersten Mal seit 2008 schreibt der Tierpark wieder schwarze Zahlen. Auch die Polizei kennt kein Sommerloch: Im Soldiner Kiez in Gesundbrunnen, der gerade von der Problemliste des Armutsberichts gestrichen worden war, werden zehn Beamte von 70 erbosten Männern umringt. Der Anlass bleibt ein wenig unklar, ein polizeibekannter Elfjähriger soll in einem Auto mit dem Zündschlüssel gespielt haben. Trotz Drohkulisse genügt das kleine Besteck: zwei Festnahmen, Reizgas, Platzverweise.

Mehr geht kaputt, als die Polizei am 12. August in Heiligensee drei junge alte Bekannte aus der Intensivtäterkartei beim Einbrechen antrifft. Erst folgt eine filmreife Verfolgungsjagd über die Autobahn, dann ein Hausbesuch in Neukölln, dann noch einmal hitziges Durch-dieStadt-Rasen. Am Ende stehen sechs Festnahmen, fünf geschrottete Autos, drei davon vom SEK, und vier Verletzte. An der Hitze kann es nicht gelegen haben, denn Berlin bibbert um den 10. August herum bei Nachttemperaturen von bis zu sechs Grad.

Das Sommerthema: Die Frau und wie sie sich beim Baden kleidet

Das ganz große europäische Sommerthema war bekanntlich die Frau und wie sie sich beim Baden kleidet. Der Zank fand auch einen Ableger draußen in der Therme Bad Saarow, wo zwei junge Frauen im Burkini aufkreuzen und von anderen Badegästen beleidigt werden – damit ist die Sache für Brandenburg aber auch schon wieder erledigt. David Bowie kriegt eine Gedenktafel aus echtem KPM-Porzellan ans Haus Hauptstraße 155 geschraubt, wo er mal gewohnt hat.

Und Michael Müller zerschlägt SPD-Porzellan, weil er sich erst für Rot-Rot-Grün ausspricht und dann in einem Gastbeitrag für den Tagesspiegel für eine rot-grüne Zweierkoalition. Da nun schon mal Wahlkampf ist, köchelt täglich ein anderes Dauerthema hoch, mal der Ärger mit den Flüchtlingsheimen, mal die morschen Schießstände der Polizei, mal der Schallschutz drunten am BER. In Eisenhüttenstadt wird am 17. August mit vollem Gepränge ein 27-jähriger zum Islam konvertierter Deutscher ausgehoben, der zwar sicher ein Blödmann ist, aber auch ein Terrorist? Er wird erst entlassen, nach Auswertung des Handys aber verhaftet und kommt nur unter Auflagen frei: „Hinweise auf eine mögliche Nähe zum Islamischen Staat“.

Auch die Kfz-Versicherer dringen mit einer Erkenntnis durch, die ein beliebtes Weltbild erschüttert, nämlich dass die Berliner besonders schlimm rasen. Unzutreffend: Es bleibe hier im Rahmen und sei anderswo viel übler, heißt es auf Grundlage zahlreicher eigener Messungen. Nicht erfasst sind allerdings Intensivtäter auf der Flucht vor der Polizei. Am 19. August brennt es wieder im Lichtenberger Dong-Xuan-Center, zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate. In Hellersdorf geht ein offenbar psychisch kranker Afrikaner in der Nacht zum 21. August mit einem Kettenschloss auf Passanten los und wird von einer Polizeibeamtin niedergeschossen.

Das Wetter, das sich bislang allen Erwartungen konsequent entzogen hat, schaltet erst um den 24. August herum auf Sommer um, passend zur langen Nacht der Museen, zum Tag der offenen Tür bei der Bundesregierung, zu den UFA-Filmnächten. In Alt-Lichtenberg trifft es am 25. August nun auch mal die SPD – der Wahlkampfbus der Bürgermeisterin Birgit Monteiro brennt ab. Währenddessen protestieren Anwohner feuerfrei dagegen, dass im September das Musikfestival „Lollapalooza“ im Treptower Park stattfinden soll – Senat und Bezirk haben es unter Auflagen durchgewunken, besorgt um den Ruf der Partyhauptstadt.

Gegen Ferienende gehen alle noch mal baden, bevor die Bäder schließen, um sich frisch zu machen für das abrupte Ende der Ferien: Am letzten Wochenende wollen „Blockupy“ und Freunde in der Innenstadt den Kapitalismus endgültig in die Tonne treten, während in Potsdam die OSZE tagt. Und ganz unabhängig davon hat Berlin schon wieder ein paar tausend Einwohner mehr ...

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