Ferienrückblick : Berlin stand Kopf

S-Bahn-Chaos, Schweinegrippe, Streit unter Rockern und Störfälle auf dem Volksfest: Was Urlauber in den Ferien versäumt haben.

Bernd Matthies
Schwimmbad
Eine Stadt in Urlaubslaune. Das Baden mit Schlabberhosen stand in der Kritik. -Foto: dpa

Berlins badende Hosenbammler gehen am 15. Juli mit einer beruhigenden Nachricht in den Urlaub. Niemand denkt daran, ihnen das Tragen der langen Schlabbershorts zu verbieten, obwohl damit viel teuer aufbereitetes Wasser in die Büsche geht – eine entsprechende Initiative aus dem Harz wird von den Bäder-Betrieben entschlossen zurückgewiesen.

Gravierendere Probleme für Berlin hat das S-Bahn-Chaos aufgeworfen, das in einer Sondersitzung des Abgeordnetenhauses am letzten Schultag gipfelt. Doch hier sind die beginnenden Ferien hilfreich, der Andrang lässt insgesamt nach, wenn die S-Bahn auch noch von „absolutem Ausnahmezustand“ spricht und am 20. Juli ein paar wichtige Linien wegen Zugmangels komplett absägt. Wird die Lage zur Leichtathletik-WM im Griff sein?

Ein anderes Unruhemotiv der Ferienzeit ist das permanente Grundgrummeln um die Schweinegrippe. Niemand weiß nichts Genaues, aber alle regen sich sicherheitshalber auf. Trotzdem füllen fast 100 000 sorglose Besucher Schulter an Schulter das Olympiastadion beim Auftritt der Giganto-Bombast-Rocker von U 2, die sich und den Kartenkäufern einen 50 Meter hohen Bühnenaufbau gönnen. Die Musik ist bis nach Wilmersdorf zu hören, und wundersamerweise schaffen es S-Bahn und BVG mit vereinten Kräften, die Fans hinterher auch wieder nach Hause zu bringen.

Auch andere positive Nachrichten versüßen den Daheimgebliebenen das Daheimbleiben: Die Bauarbeiten für den U-Bahnhof Brandenburger Tor sind nach gefühlten 30 Jahren beendet, gerade rechtzeitig für die Leichtathleten, die den Platz für die WM brauchen. Noch mehr Glück am 22. Juli draußen am Stadtrand in Falkensee: 20 Minuten nach Ladenschluss fällt zwar das Dach eines Rewe-Supermarkts zusammen, verletzt wird aber niemand, wie durch ein Wunder, wie man in solchen Fällen wohl sagt.

Verletzender fallen die Vorwürfe aus, die dem ehemaligen Finanzsenator und bekennenden (aber ziemlich schlechten) Golfer Thilo Sarrazin wegen der sehr günstigen Rundum-sorglos-Pacht für den Golfklub Wannsee gemacht werden. Die offenbar äußerst kreativ geführten Verhandlungen schlagen auf Sarrazin zurück und werden die Stadt sicher noch weit über die Ferien hinaus beschäftigen; Der Senator hat, kein Wunder, in der Stadt bei seinem Abgang zur Bundesbank nicht nur Freunde zurückgelassen. Nachfolger Nußbaum, keineswegs in Urlaubsstimmung, muskelt bereits auf und droht mit schonungsloser Aufklärung. Auch ein bisschen Kultur füllt das Sommerloch. Die Windmaschinen für den Start des Tarantino-Films „Inglorious Basterds“ springen vernehmlich an, passend zur Premiere am Potsdamer Platz am 28. Juli. „Das ist verdammter Mist“,  sagt Tarantino, meint es aber nicht so – es handelt sich einfach um den einzigen deutschen Satz, den er drauf hat.

Passend zum Ausrollen des roten Teppichs hebt der Sommer dann zur allgemeinen Überraschung auch an, ein Sommer im meteorologischen Sinn zu werden, das füllt die Bäder mit Kurz- und Langbadehosenträgern gleichermaßen.

Die Hitze macht ihnen zu schaffen: Am Sonntag, 2. August, muss die Polizei anrücken, um im Columbiabad für Ordnung zu sorgen: 50 Störer im Alter zwischen 11 und 24 Jahren werden amtlich hinausgeworfen. Andere Kinder haben von vornherein keine Muße für so sorglosen Urlaubsspaß. In der Nähe des Görlitzer Parks werden drei Jungen, zwei Heimkinder im Alter von 12 und 15 Jahren und ein alleinlebender 16-Jähriger, als Drogendealer aufgegriffen.

Am 4. August trifft eine Tragödie die rumänisch-orthodoxe Gemeinde: Bei Bauarbeiten stürzt das Dach ihrer Kapelle in Westend ein, zwei Menschen sterben, einer von ihnen ist der 49-jährige Pfarrer.

Am 8. August dürfen dann endlich auch die normalen Fahrgäste nachschauen, was die BVG für die 320 Millionen Euro bekommen hat, die für die 1,8 Kilometer U-Bahn zwischen Pariser Platz und Hauptbahnhof in den Sand gesetzt wurden: Große Hallen des Volkes sind entstanden, repräsentativ, geräumig und schön kühl auch bei größer Schwüle auf Berlins Oberfläche.

15 Besucher, die diesen Sonnabendabend auf dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest verbringen, erleben dort eine Horrortour ganz ohne Geisterbahn: Kopfüber hängen sie 45 Minuten in den Gondeln des „Stargate“-Karussells, das plötzlich seine Arbeit einstellt. Glück im Unglück: Die überwiegend jungen Leute sind gut beieinander und überstehen das Abenteuer ohne gravierende Schäden. Allerdings war eine Woche zuvor ein Elfjähriger nach einer regulären Fahrt mit der „Wilden Maus“ aus unklarer Ursache gestorben.

Noch ein trauriger Aspekt dieses Sonnabends: Das Hertie-Kaufhaus in der Moabiter Turmstraße macht an diesem Tag endgültig dicht.

Am 12. August wird der Countdown für den sportlichen Höhepunkt der Saison konkreter: Die ersten Athleten der Weltmeisterschaft checken in ihren Berliner Hotels ein. Einen Tag später eröffnet unter bemerkenswerter internationaler Aufmerksamkeit das eher unspektakuläre Berliner Currywurst-Museum.

Die Polizei muss sich unterdessen mit dem eskalierenden Rocker-Krieg herumschlagen: In Hohenschönhausen wird ein 33-jähriger Mann erschossen, von dem es heißt, er sei womöglich von den „Hells’ Angels“ zu den „Bandidos“ gewechselt, was in der Rocker-Szene als gefährlich gilt.

Langsam nähert sich die Ferienzeit ihrem Ende und geht gleitend in die Wahlkampfzeit über. Die Plakate beginnen die Stadt zu bedecken, und eines – geschmückt mit den Dekolletés von Angela Merkel und der Wahlkreiskandidatin Vera Lengsfeld – entfacht sogar einen gehörigen Sturm im Wasserglas. Am meisten Wind macht allerdings einer, der nur so tut, als kandidiere er: Hape Kerkeling führt in seiner Glanzrolle als Horst Schlämmer die versammelten Politikjournalisten vor, bevor dann der Film zum Jux Premiere feiert.

Die Leichtathletik-WM indessen geht programmgemäß und friedlich vorüber. Und der S-Bahn ist es gelungen, die offenbar nicht so überwältigende Gästeschar geräuschlos zu transportieren. Es hätte insgesamt schlimmer kommen können.

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