Fernmeldetechniker : 50 Jahre in derselben Firma

Wolfgang Schmidt begann 1960 seine Lehre zum Fernmeldemonteur – die Firma hat er seitdem nie gewechselt.

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Treue Seele. Uwe Schmidt war 14 Jahre alt, als er seine Lehre in der Leibnizstraße begann. Zum Vertragsabschluss gab es dann einen...

Wolfgang Schmidt arbeitet seit genau 50 Jahren in derselben Firma, die letzten 46 davon ohne schriftlichen Vertrag. „Ich habe einen Handschlag von Werner Schütze“, sagt er. „Der hat so lange gehalten.“ Wobei Werner Schütze schon vor mehr als 20 Jahren gestorben ist. Er war einer von drei Chefs, die Schmidt in seinem Berufsleben hatte, das im April 1960 mit seiner Lehre als Fernmeldemonteur bei der „Westfälischen Telefon-Gesellschaft Wilhelm Schütze“ in der Leibnizstraße 33 begann. Damals holte man sich die Amtsleitung mit einer sogenannten Erdtaste ins Telefon, Wolfgang Schmidt war knapp 15 Jahre alt, einsachtundvierzig klein und mit 50 Kilo ziemlich genau so schwer wie ein Standardverteiler für vier Apparate. So begann sein Berufsleben, das unter heutigen Bedingungen kaum mehr möglich wäre. Und zwar weniger deshalb, weil niemand mehr mit 14 seinen Schulabschluss macht – der spätere Start ließe sich bis zur Rente mit 67 aufholen –, sondern weil sich Berufseinsteiger zumeist als Praktikanten, Zeitarbeiter und mit befristeten Jobs durchwursteln müssen. Und eine Festanstellung heißt noch lange nicht, dass die Firma so alt wird wie man selbst.

Die 35 Mark Lehrlingslohn, die der Chef freitags in einer Papiertüte mit handgeschriebener Abrechnung auf die Baustellen zu Wolfgang Schmidt und seinen Kollegen brachte, gab er zu Hause ab, weil die Mutter mit ihren drei Kindern das Geld brauchte. Mit Werkzeug auf dem Gepäckträger und Kabeln am Lenker radelte Schmidt zu den Orten, an denen der Senat seine Gebäude mit Telefonen bestückte. Die zentnerschwere Technik brachte der Meister im Bulli mit.

In den 50 Jahren seitdem ist Wolfgang Schmidt in jeder Hinsicht gewachsen. Er wurde Montageleiter, später Leiter der Abteilung für Sicherungstechnik. Sein Arbeitgeber heißt jetzt WTG GmbH Berlin und gehört zu einer ganzen Unternehmensgruppe. Und was kaputtgeht, wird nicht mehr repariert, sondern weggeworfen. Für Reparaturen ist die Technik ohnehin viel zu klein geworden. Die wesentliche Revolution ist aus Sicht von Schmidt schon seit den 80ern vollbracht, als die schweren Relaisschalter durch Transistoren ersetzt wurden. Durch die Umstellung von Mechanik auf Elektronik schrumpften die Bauteile um etwa 90 Prozent – und seitdem immer weiter. Schmidt schaut wohlwollend zu, wie die Technik allmählich unsichtbar wird.

Als die Apparate noch groß waren und Wolfgang Schmidt noch klein, hatte ihm die Berufsberatung den Tipp mit der Telefongesellschaft gegeben. Er war etwas ratlos damals: „Ich wollte irgendwas machen, wo ich nicht nur am Schreibtisch sitze. Für Aufzugsmonteur bei Otis war ich zu schmächtig, und für die Post als Fernmeldemonteur zu klein.“ So fand er sein Glück in dem Familienbetrieb.

Der hat sich inzwischen auch auf andere Kommunikationstechnik wie Alarm- und Brandmeldeanlagen spezialisiert – genau wie Wolfgang Schmidt. Die mehr als 5000 Rauchmelder und Alarmknöpfe im Neubau der Gropiuspassagen waren sein größtes Einzelprojekt. Ein Dutzend Leute, ein Dreivierteljahr, ein Riesenstapel mit Bauzeichnungen und Kabellageplänen. Und Zeitdruck: Die Leitungen können erst verlegt werden, wenn die Wände schon stehen. Wichtig ist auch, die richtigen Geräte an den richtigen Stellen zu verbauen. Ein auf Abgase geeichter Brandmelder im Parkhaus wäre ebenso unpraktisch wie einer, der bei Dunst auslöst, über dem Chinaimbiss. Einmal in den letzten 50 Jahren hat Wolfgang Schmidt versucht, beruflich fremdzugehen. Bei einer Kopiererfirma, in den 70ern. „Aber da wäre ich wohl Klinkenputzer geworden.“ Insofern war ihm die Absage im Nachhinein recht.

Zu Schmidts Jubiläum gibt es in der Firma ein Fest, und im Mai geht er in Rente. Beschäftigung ist dank Enkel, Haus und Tennisclub gesichert, „und wenn man nicht mehr auf die Wochenenden angewiesen ist, ist das ja auch gut“, sagt Schmidt. „Denn da ist ja meistens schlechtes Wetter angesagt.“

Es war übrigens seine Frau, die auf das Firmenjubiläum ihres Mannes aufmerksam gemacht hatte, das heutige Berufseinsteiger wohl nie erleben können. „Ich verbinde“, hatte Ellen Schmidt gesagt, als sie den Hörer ihrem Mann reichte. Das klang nach einer von gegenseitigem Verständnis geprägten Ehe. Gute Aussichten also für den Jubilar.Stefan Jacobs

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