Berlin : Fernsehturm-Galerie: Wiedersehen mit dem Alexanderplatz

Lothar Heinke

Kaum ein Berliner Platz ist interessanter als der Alex. Interessanter? Da kommen schon die ersten Zweifler: Dies ist der langweiligste Platz, den man sich denken kann. Der Wind fegt um die Ohren, und du bist froh, wenn du der Öde im Kaufhaus entflohen oder unter einem großen "U" verschwunden bist. Mit solch einem Urteil ist meistens die Hoffnung auf die nächste Zukunft des Platzes verbunden: Wenn hier erst Hochhäuser stehen, ist der Alex - in zehn Jahren vielleicht - endlich das, was er wieder sein wollte (und ja auch schon einmal war): ein großstädtisches Zentrum. Wirklich? Alte Darstellungen aus den zwanziger, dreißiger Jahren zeigen, was Alfred Döblin beschrieb. Die dicke Berolina blickt auf ein großes Menschengewimmel, der Verkehr bewegt sich auf vier Ebenen: Die Fern- und S-Bahn oben, die Straßenbahn zu ebener Erde, darunter und noch eine Etage tiefer die Untergrund-Bahn. So ist das inzwischen wieder, nachdem die Straßenbahn und damit etwas mehr Leben und Treiben auf den Alex zurückgekehrt ist.

Der einst mit Vieh-, Woll- und Wochenmärkten belebte Platz, der seinen Namen zu Ehren des russischen Zaren Alexander II. bei dessen Besuch im Jahre 1805 erhalten hatte, war das große Zentrum, der zentrale Ort des östlichen Teils der Millionenstadt. Nach den Schäden des zweiten Weltkrieges wollte die DDR den Platz um das Doppelte vergrößern und völlig neu, jedenfalls sehr großzügig, gestalten - es entstanden ringsum oder mittendrin ein Haus des Lehrers mit der Kongresshalle, Centrum-Warenhaus, Hotel "Stadt Berlin" und gegenüber ein Büro-"Haus der Elektroindustrie". Genug Beton als Hülle für Hotelgäste, Einkäufer und Büromenschen. Als Kulisse für Volksfeste, Sportfeste, als Raum zum Jubeln und Spalierstehen - und schließlich als geeigneter Ort für jene Demonstration des Berliner Unwillens mit der Obrigkeit, die am 4. November 1989 die Welt aufhorchen ließ: Schaut nun auch einmal auf diese Stadt!

Wer sich für den weitläufigen Alex viel Zeit zum Überwinden der Entfernungen nimmt und vielleicht noch eine Kamera im Anschlag hat, der bekommt im Laufe der Zeit ein Bilder-Mosaik zusammen, das durchaus für eine Ausstellung taugt. Wie Thomas Billhardt, bekannter DDR-Fotograf, der 50 Jahre Alex belichtet hat. Der Platz war für ihn so etwas wie ein künstlerischer Magnet: Hier muss fotografiert werden...

Seit gestern nun sind diese fotografischen Beobachtungen von Menschen, Ereignissen und Dingen, Normales und Banales, in der Galerie im Berliner Fernsehturm ausgestellt. Zur Eröffnung sprach Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der Berliner seit Anfang der Sechziger, den manche Erinnerung mit den (wenigen) Cafés, der Weltzeituhr, den Bahnhöfen, dem Hotel und dem Warenhaus verbindet: "Der Platz hat sich in fünf Jahrzehnten erheblich verändert, er war einmal ein Mythos, er war der wichtigste Platz der Hauptstadt der DDR und ist jetzt ein wichtiger Platz in der östlichen Mitte der Stadt. Bald wird er wieder verändert, und das ist offenbar sein Schicksal". Dies beschwor Thomas Flierl, der Baustadtrat von Mitte: Die Bilder seien "ein Innehalten vor dem großen neuen Umbruch", der am Alex stattfinden soll. "Tagesspiegel"-Redaktionsdirektor Gerd Appenzeller erzählte, wie Hans Modrow - von 1971 bis 1973 Leiter der Abteilung Agitation des ZK der SED - jetzt den Fotografen (der aus ungeklärten Gründen nicht anwesend war) sieht: "Billhardt hatte einen Blick für Motive, die nicht immer dem Idealbild der SED entsprachen. Aber er hat auf sich aufmerksam gemacht, und diese Aufmerksamkeit kam uns entgegen - so wie wir die Weltgeltung eines Harry Kupfer, eines Peter Schreier, Kurt Masur oder einer Kati Witt mit Wohlwollen gesehen haben".

Die Schau der 35 Alex-Bilder, die auch eine kleine Schau über Berliner ist, bleibt bis zum 9. November in der Fernsehturm-Galerie im Eingangsbereich geöffnet. Alle, die sich auf den Fotos dieser Seite, in der Ausstellung selbst, im Begleitbuch der "edition ost" oder in den Internet-Bildern unter "meinberlin.de" entdecken, werden gebeten, sich in unserer Redaktion (26009314) zu melden - wir wollen uns am 2. November in der Ausstellung treffen und miteinander reden: Weißt Du noch?

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