Berlin : Fest im Glauben

Die Synagoge in der Rykestraße wird 100 Jahre alt. Oljean Ingster war hier schon zu DDR-Zeiten Kantor

Christian Böhm

Die Synagoge ist seine Lebensaufgabe. Hier hält Kantor Oljean Ingster seit 38 Jahren die Gottesdienste zum Sabbat und zu den hohen Feiertagen. Dabei war die Synagoge Rykestraße in der DDR die einzige, in der regelmäßig Gottesdienste stattfanden. Vor 100 Jahren wurde sie errichtet und geweiht: als größte Synagoge in Deutschland, die 2000 Gläubigen Platz bietet. Am Sonntag wird bei einem Festakt zum Weihejubiläum auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sprechen.

Die Hinterhoflage hat das Gebäude einst gerettet: Wer in Prenzlauer Berg am Wasserturm steht, bemerkt die Synagoge kaum. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurden die Thorarollen geschändet und der Innenraum demoliert. Aus Furcht, die benachbarten Wohnhäuser in Mitleidenschaft zu ziehen, löschte die Feuerwehr die von den Nazis angesteckte Synagoge. Später nutzte die Wehrmacht das Gebäude.

Gleich nach dem Krieg erhielt die Gemeinde ihre Synagoge zurück, die als einzige in Berlin eingermaßen intakt geblieben war. So entwickelte sich hier das erste Zentrum jüdischen Lebens in Berlin. Bereits im Juli 1945 fanden in der Rykestraße die ersten Hochzeiten statt . Doch nach der Teilung Berlins wurde die Gemeinde immer kleiner. Anfang der 80er Jahre zählte sie nur noch 230 Mitglieder.

Dass sich überhaupt jüdisches religiöses Leben im Osten Berlins halten konnte, lag an Menschen wie Kantor Oljean Ingster. Mit 17 wurde der heute 78-Jährige aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen befreit. „Dass ich das überlebt habe, war ein Wunder“, sagt er.

Ingster arbeitete zunächst einige Jahre in Schwerin, bekam Anfang der 60er Jahre eine Anstellung beim VEB Funkwerk Köpenick und wurde Mitglied der jüdischen Gemeinde in der Rykestraße. 1966 bat ihn der Gemeindevorstand, die Aufgaben des Kantors zu übernehmen.

Es war wohl sein Pflichtbewusstsein, dass ihn „Ja“ sagen ließ: „Es musste eben gemacht werden“, begründet er heute seine Entscheidung. Von nun an predigte und beerdigte er, unterrichtete Hebräisch und führte die Jugendlichen in die Gemeinde ein – immer misstrauisch beäugt von den DDR-Behörden.

Bis das Staatssekretariat für Kirchenfragen der DDR die Sabbat-Ruhe regelte, musste Ingster die Sonnabende nacharbeiten: Die am jüdischen Ruhetag ausgefallene Arbeitszeit wurde in der Woche nachgeholt. An den hohen Feiertagen nahm er Urlaub.

Trotz aller Erschwernisse bot die Gemeinde vier, fünf Kulturveranstaltungen im Monat an. „Das kulturelle Leben war immer rege“, sagt Ingster nicht ohne Stolz. Auch Staatsgäste der DDR und ausländische Diplomaten kamen zum Gebet in die Synagoge: „Auch deshalb konnte man die Gemeinde nicht ignorieren.“ Weil Erich Honecker so gerne zu einen Staatsbesuch in die USA gereist wäre, widersetzten sich die DDR-Behörden auch nicht, als die Gemeinde 1987 nach langer Zeit wieder einen Rabbiner einstellen wollte: Isaac Newman, der dafür vorübergehend aus Amerika abgestellt wurde.

Nach dem Mauerfall wurden die Beziehungen zur West-Gemeinde rasch enger, viele Gläubige hielten trotzdem ihrer Synagoge die Treue. Andreas Poetken gehört zu ihnen. Sein Vater Baruch überlebte die Shoah in Prenzlauer Berg. Später zog die Familie nach Dresden. Seit 1981 wohnt Poetken wieder in seinem alten Kiez. „In der Rykestraße hat mein Großvater schon gebetet, mein Vater auch – jetzt komme auch ich hier her.“ Freunde wollen mit ihm in die Synagoge in der Oranienburger Straße gehen. „Vielleicht gehe ich mal mit“, sagt er. Aber er hängt an den Traditionen seiner Gemeinde. „Ich werde mich immer hierhin gezogen fühlen.“

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