Berlin : Fest in preußischer Tradition

Sigrid Kneist

Während anderswo die Prüfungen zentral ausgearbeitet werden, bleibt der Schulsenator skeptischSigrid Kneist

In Sachen Abitur steht Berlin fest in preußischer Tradition. Seit jeher stellen hier die Lehrer die Themen für die Prüfungen. Und das soll - wie berichtet - nach dem Willen von Schulsenator Klaus Böger auch so bleiben. Anders sieht es in Bayern, Baden-Württemberg und dem Saarland aus: Dort legen die Schüler ein Zentralabitur ab: Alle Schüler schreiben am selben Tag ihre Arbeiten zum selben Thema, ganz nach dem Vorbild des französischen "Baccalaureat", für das die Vorgaben landesweit aus Paris kommen. Ebenso hält man es in den neuen Bundesländern Mecklenburg-Vorpommern, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Lediglich Brandenburg scherte zunächst aus dem Reigen der neuen Bundesländer und prüft zurzeit noch dezentral; die Regierungsparteien SPD und CDU haben sich inzwischen jedoch für die Einführung des Zentralabiturs zum Schuljahr 2005/2006 entschieden. Auch in der DDR wurden die Abiturienten einheitlich und zentral geprüft.

Nach der Berliner Koalitionsvereinbarung soll die derzeitige Prüfungspraxis "mit dem Ziel der Qualitätssicherung" überprüft werden, "unter Einschluss der Alternative zentraler Abschlussprüfungen". Derzeit reichen die Lehrer ihre Themenvorschläge beim Landesschulamt ein, das die Prüfungsthemen auswählt. Um eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten und einen Kontrollmechanismus zu haben, wird ein zweiter Lehrer aus einer anderen Schule zur Korrektur herangezogen. Für Böger gibt es "sehr viele gute Gründe", das System beizubehalten, auch wenn es in der Praxis durchaus verbessert werden könne, sagt die Sprecherin der Schulverwaltung, Rita Hermanns. So würden die Eigenständigkeit der Schulen und Freiräume gewährleistet, außerdem könnten sie besser Schwerpunkte setzen und bestimmte Entwicklungen an der Schule berücksichtigen. Entschieden sei derzeit noch nichts.

Bei der derzeitigen Bewertung gebe es ständige Manöverkritik und eine Diskussion über Standards, sagt Hermanns. Thema sei auch, wie der Arbeitsaufwand verkleinert und die Zeit zwischen schriftlichem und mündlichem Abitur verkürzt werden könne. Der schulpolitische Sprecher der CDU, Stefan Schlede, geht dagegen davon aus, dass durch ein Zentralabitur "unendlich viele Ressourcen gespart" werden könnten.

Die Brandenburger Koalitionspartner CDU und SPD versprechen sich von der Einführung des Zentralabiturs eine stärkere Qualitätskontrolle und eine bessere Vergleichbarkeit. Das führe auch zu einem stärkeren Wettbewerb der Schulen, sagte der Sprecher des Bildungsministeriums, Martin Gorholt. Auch für die zehnten Klassen plant Brandenburg eine zentralisierte Abschlussprüfung. Da sei aber noch nicht entschieden, ob diese "nach zentralen Vorgaben oder einheitlich" gestaltet werden soll.

In München mit jahrzehntelangen Erfahrungen in Sachen Zentralabitur wird darauf verwiesen, dass dieses die Vergleichbarkeit der Anforderungen sichere. Zudem werde gewährleistet, dass die Lehrer den Unterricht breit anlegten und somit auch vermieden werde, dass Lehrkräfte lediglich ihre Steckenpferde pflegten, sagte Brigitte Waltenberger, Sprecherin des bayerischen Kultusministeriums. Auch sei der organisatorische Aufwand so wesentlich geringer, als wenn die Prüfungsaufgaben der 400 bayerischen Gymnasien im Ministerium geprüft werden müssten.

Nach Waltenbergers Angaben erarbeiten das Kultusministerium, das bayerische Staatsinstitut für Schulpädagogik und Bildungsforschung und spezielle Lehrkräfte die Abiturthemen. Diese werden den Schulen in versiegelten Umschlägen am Prüfungstag übergeben. Im Fach Englisch beispielsweise kann der Lehrer dann eins von zwei Themen aussuchen, in Deutsch haben die Schüler die Wahl. Die Arbeiten korrigiert der Lehrer, die Zweitkorrektur übernimmt ebenfalls ein Lehrer der selben Schule.

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