Berlin : Fest ohne Freude

CNH-Werk soll nach 130 Jahren geschlossen werden Das Jubiläum feierte die Belegschaft in der Kälte

Rainer W. During

Ein bis heute erfolgreicher Traditionsbetrieb begeht sein 130. Jubiläum, doch von der Geschäftsleitung lässt sich niemand blicken. Die Belegschaft des Spandauer CNH-Werkes, das unter dem Namen Orenstein & Koppel Industriegeschichte schrieb, feierte gestern auf dem Spandauer Marktplatz unter sich, denn das Geburtstagsgeschenk der Konzernleitung ist die geplante Werksschließung – verbunden mit rund 400 Kündigungen.

Gegen die klirrende Kälte helfen Kaffee, Tee und Glühwein, Erbsensuppe, Bratwurst und Kuchen. „Wir halten zusammen“, steht neben dem O&K-Logo aus rotem Zucker auf der Torte, die Jessica Herlein gebacken und mit kleinen Schokoladenherzen verziert hat. Die 20-Jährige ist im dritten Lehrjahr als Industriemechanikerin, was danach kommt, ist offen.

„Wir sind im Ungewissen, niemand weiß, wie es weitergeht“, sagt Andreas Kleiber (42), Vater mit zwei schulpflichtigen Kindern. Seit 18 Jahren gehört der Neuköllner zur Belegschaft. Dogan Akbaba (40) ist seit 22 Jahren im Betrieb, arbeitet in der Qualitätssicherung. Mit Frau und drei Kindern hat er gerade das eigene Haus bezogen, jetzt steht die Familie vor einer ungewissen Zukunft. „Wir werden nicht kampflos hinnehmen, dass die Arbeitsplätze nach Italien verlagert werden“, ruft Betriebsratsvorsitzender Christian Fromm. Am 28. Januar 1876 hatten Benno Orenstein und Arthur Koppel die Fabrik gegründet, 1900 das Spandauer Baggerwerk eröffnet. 1998 begann die Integration in dem zu Fiat gehörenden CNH-Konzern, 2005 wurde die Marke O&K durch New Holland ersetzt, für viele der Anfang vom Ende.

Mit dem Bundestagsabgeordneten Swen Schulz, Mitgliedern des Abgeordnetenhauses und Stadträten demonstriert die SPD Solidarität. Klaus Prosche vom Spandauer DGB-Vorstand zitiert eine Grußbotschaft von Bezirksbürgermeister Konrad Birkholz (CDU). Der bezeichnet den Umgang des Mutterkonzerns mit den Beschäftigten als „Sauerei“. Politiker und Gewerkschafter sind sich einig im Vorwurf, Fiat wolle einen profitablen Berliner Betrieb abwickeln, um auf Kosten der deutschen Steuerzahler die kränkelnde Autosparte zu stützen und italienische Arbeitsplätze zu sichern.

Immer mehr Passanten tragen sich in die ausgelegten Unterschriftenlisten für die Erhaltung der Fabrik ein. Ex-Bürgermeister Werner Salomon (SPD) erinnert daran, wie Bezirk und Senat erst 1989 den Weg für den Bau des neuen Werkes an der Spandauer Straße ermöglichten. Für rund 40 Millionen Mark wurden 680 000 Tonnen der Senats-Kohlenreserve in eine Kladower Kiesgrube verlagert.

Rund 70 Millionen Euro an Fördermitteln und Grundstückspacht bis 2038 will der Senat von der Konzernleitung nun einfordern. Berlin-IG-Metall-Chef Arno Hager hofft, dass die Konzernleitung deshalb doch noch ihren „sturen Abwicklungskurs“ verlässt und überlegt, was sich auch künftig sinnvoll in Berlin produzieren lässt. Am Montag läuft die von der Gewerkschaft gesetzte Frist zur Aufnahme von Gesprächen ab. Gibt es bis dahin kein Signal aus Italien, ist mit Warnstreiks zu rechnen.

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