Berlin : Fest-Online-Shopping: Weihnachten heißt jetzt e-Christmas

Esther Kogelboom

Er kippelt wie ein ungeduldiger Erstklässler auf seinem viel zu kleinen Stuhl, der Oliver Lederle. Auf seiner Brust prangt das bunte Firmen-Logo, und es könnte sein, dass er das blendend weiße Sweatshirt gerade erst aus seiner Plastikverpackung gerissen hat. Lederle schläft sechs Stunden, die verbleibende Zeit arbeitet er. Der 32 Jahre alte Unternehmer hat gemeinsam mit vier Freunden das erfunden, was sich auf deutsch ziemlich sperrig anhört - den Internet-Versandhandel für Spielzeug und Baby-Ausstattung, kurz: myToys.de, in Deutschland ansässig auf zwei Etagen in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Daran, dass gerade die härteste Zeit des Jahres ist, erinnert die Mitarbeiter eine Carrera-Bahn. Sie liegt im Schatten einer Tanne - Weihnachten heißt für die verspielte Mannschaft e-Christmas, und myToys befindet sich auf der Überholspur. Zwischen dem Internet-Auftakt im Oktober letzten Jahres bis zum Jahresende 1999 wurden über 100 000 bestellte Artikel verschickt, in der Adventszeit verkaufte myToys über 3500 Spielwaren am Tag. In der Zeit setzte das Unternehmen rund drei Millionen Mark um. Das Kapital stammt von Wagniskapitalfirmen, Teilhaber sind die Pro 7-Gruppe sowie der Otto-Versand. Darüber, dass das diesjährige Geschenke-Geschäft ebenfalls gut läuft, gibt eine handgemalte Kurve Ausdruck, die an Dagobert Ducks Dukatenstatistik erinnert. Bevor der ehemalige Unternehmensberater Lederle ein virtuelles Bad im Geldspeicher nehmen kann, wird jedoch noch etwas Zeit vergehen: "Das dauert noch, bis wir schwarze Zahlen schreiben."

Wenn Oliver Lederle von der Gründerzeit des Unternehmens erzählt, klingt das so, als könne er seine Bilderbuch-Erfolgsgeschichte selbst kaum glauben. Untergebracht in einer Lagerhalle in Lotte bei Osnabrück, bewältigten letztes Jahr im August nur zwei Dutzend Leute sowohl Marketing, IT, Versand sowie Service. Als der 60. Mitarbeiter eingestellt wurde, platzten die Räume in Lotte aus allen Nähten. Im Mai 2000 sind die Spielzeugexperten in die Kulturbrauerei eingezogen - jetzt arbeiten 100 Internetspezialisten in Berlin und 50 im westfälischen Löhne, wo der logistische Bereich von myToys unter einem Dach mit dem Otto-Versand angesiedelt ist. "Wir sind eine Großfamilie", sagt Lederle und kippelt weiter.

"Alle, die in Lotte dabei waren, arbeiten immer noch bei uns." Und die Unternehmenskultur? Da gibt sich Lederle bescheiden. "Ich will keine Sonntagrede halten", meint der Geschäftsführer, der bereits zwei Tage nach seinem 18. Geburtstag eine Werbeagentur gründete und nebenher noch mit seiner Frau eine Teddybären-Firma hat. "Wir arbeiten hierarchiefrei, Verantwortung und Engagement des Einzelnen stehen im Vordergrund, wir wollen die Dinge im Team aktiv angehen." Die Köpfe der Mitarbeiter hängen auf Polaroids im Flur, IT-Fachleute konferieren hinter einer lustig bunten Schiebetür im Raum "Winnie Puh", überall stehen große Bilder von Ernie und Bert, die die Hausdesignerin gemalt hat. Als kleine Motivationshilfe gibt es manchmal Massagen für alle, einmal pro Woche kommt ein Profi-Koch und bereitet in der Büro-Küche ein gemeinsames Essen vor, im unteren Stockwerk gibt es einen Kicker-Raum für die gestressten eCommerce-Arbeiter - die Grenze zwischen Freizeit und Arbeit verwischt.

MyToys baut ganz auf die Bequemlichkeit des Kunden. Wer keine Lust hat, sich in den Weihnachtsrummel zu stürzen, verarbeitet den Wunschzettel der lieben Kleinen vom Computer aus, zahlt per Rechnung oder Kreditkarte und bekommt die bestelle Ware fertig verpackt und mit Grußkarte per Post unter den Weihnachtsbaum. Bedingung: Geordert werden muss bis zum 18. Dezember. Falls sich während der Bescherung herausstellt, dass es statt des Barbie-Cabrios doch lieber der Gameboy sein sollte, kann der Kunde vom verlängerten Umtauschrecht Gebrauch machen - das nennen sie dann "Convenience". . Mittels Umfragen haben die Spielzeugfachmänner herausgefunden, was diese Saison ganz oben auf der Wunschliste der Kinder steht: Pokémon-Zubehör, Süßigkeiten, Kickboards, Computerspiele, Barbies und Harry-Potter-Bücher. Jungs spielen immer noch am liebsten Fußball und mit Lego, während Mädchen laut myToys hauptsächlich zu Puppen greifen.

Wer unsicher ist, kann sich vom pädagogisch geschulten Beratungscenter, das mit der Zeitschrift "Eltern" kooperiert, bei der Geschenkesuche helfen lassen. Mittlerweile liefert das rührige Unternehmen auch nach Österreich, in die Schweiz und von Malmö aus nach Skandinavien. Weitere europäische Länder sind in Vorbereitung. Denn, soviel weiß Lederle, dessen drei Jahre Tochter am liebsten mit Lego und Teletubbies spielt: "Eine Barbie-Puppe sieht überall gleich aus."

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