Festivalsaison in Berlin : "Rock im Grünen" lädt ins Beatdorf Biesdorf

250 Fans kamen zur Premiere vor sieben Jahren, mittlerweile sind es mehr als 250 Bands, die auftreten wollen. Bald laden die Macher von „Rock im Grünen“ wieder zum Festival unter freiem Himmel – und sie sind nicht die Einzigen.

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Auch ganz schön. Auf der Biesdorfer Parkbühne laufen nicht nur Konzerte, sondern auch Filme. Fahrverbindung: S-Bahnhof Biesdorf oder U-Elsterwerdaer Platz.
Auch ganz schön. Auf der Biesdorfer Parkbühne laufen nicht nur Konzerte, sondern auch Filme. Fahrverbindung: S-Bahnhof Biesdorf...Foto: promo

Kein Schlamm. Keine Zeltstädte. Keine versifften Dixi-Klos. Dafür gepflegte Toilettenhäuschen, Holzbänke zum Ausruhen und im Hintergrund der Schlosspark Biesdorf, eine der schönsten Grünanlagen Berlins mitsamt historischer Turmvilla. Das „Rock im Grünen“-Festival in der Parkbühne Biesdorf ist gemütlicher als die berühmten, mehrtägigen Massenpartys, bei denen deutschlandweit nun wieder Zehntausende auf Rennstrecken und in Parks ausflippen.

Die Festivalsaison beginnt bald auch in Berlin und Umgebung. Vom 14. bis 16. Juni feiern Fans von Latinorhythmen beim BeLa Sound im Yaam-Club und Liebhaber härterer Gitarrenmusik beim Rocktreff Mariendorf. Bis zum Herbst folgen zahlreiche weitere Open-Air-Partys sämtlicher Stilrichtungen (siehe Kasten).

Bei „Rock im Grünen“ am 28. und 29. Juni soll Berlins Musiknachwuchs zeigen, was er drauf hat. Während die meisten Festivals kommerziell sind, ist „Rock im Grünen“ komplett ehrenamtlich und nicht profitorientiert organisiert. Kabel verlegen, Scheinwerfer aufbauen, Würstchen verkaufen – all das machen Daniel Trinkl, 39, Lydia Mühlmann, 22, und die restlichen 15 Mitglieder des gleichnamigen Vereins mit der Hilfe von mehr als hundert Freiwilligen selbst. In diesem Jahr greifen zwölf Gruppen am östlichen Stadtrand zu Gitarre und Schlagzeug, darunter Circus Rhapsody, Beatcube, Royal and Dead, Villains vs Superman und als Headliner die britischen Punkrocker von Templeton Peck. 3000 Gäste erwarten Trinkl und Mühlmann, darunter viele Besucher der ersten Stunde oder deren Kinder.

Vor 16 Jahren hatten Trinkl und ein paar Kumpels aus einer katholischen Jugendgruppe aus Lichtenberg die Idee zu einem Rockkonzert. „Projekt Bandnacht“ hieß das ganz unspektakulär auf dem Papier. Über einen Biesdorfer Pfarrer kam die Truppe zufällig an die Parkbühne als Veranstaltungsort. In einem Jugendzentrum der katholischen Kirche in Charlottenburg standen Trinkl und seine Freunden stundenlang am Kopierer und druckten Flyer, knüpften Kontakte zu Bühnentechnikern und bemühten sich um Bands. 250 Rockfans kamen bei der eintägigen Premiere im Jahr darauf. Seit Jahr 2006 wird an zwei Tagen gefeiert, mittlerweile bewerben sich jedes Jahr mehr als 250 Gruppen, um in der Parkbühne spielen zu dürfen. Die Location hat alles, was unbedingt benötigt wird, ist aber dürftig ausgestattet. Ein Raum dient als Backstagebereich, einer als Büro, in einem Container hängen Klamotten. Sonst gibt es nur den Park unter freiem Himmel. Dennoch wollen die Veranstalter an dem Ort bleiben – woanders müsste man schließlich wieder von vorne anfangen, sagt Trinkl.

Faxenmacher. Auch wenn es ziemlich nach Mitte aussieht: „Rock im Grünen“ geht über die Parkbühne in Biesdorf. Im Bild: Die Macher des Festivals.
Faxenmacher. Auch wenn es ziemlich nach Mitte aussieht: „Rock im Grünen“ geht über die Parkbühne in Biesdorf. Im Bild: Die Macher...Foto: David Heerde

In diesem Jahr finanziert sich das kostenlose Doppelkonzert erstmals ausschließlich durch Sponsoren und ohne Fördergelder. Als zwei Geldgeber Anfang des Jahres plötzlich absprangen, war die Zukunft des Festivals unklar. Nach Wochen des Zweifels sicherten zwei andere Unternehmen die Finanzierung. Nun suchen Trinkl und Mühlmann nur noch Freiwillige, die aushelfen, gern auch spontan.

Eine Kirchenparty ist das Festival trotz seiner Wurzeln nicht. Auf der Bühne werden keine Psalmen gelesen, und es wird kein Jesus-Rock gespielt. „Rock im Grünen hatte nie einen missionarischen Anspruch“, sagt Trinkl. Und wenn es sich die Rockfans mit selbst mitgebrachtem Bier bequem machen, anstatt die Veranstalter zu unterstützen, sind die nicht sauer. Sie gehen dann einfach auf die Wiese und probieren trotzdem, ihre Getränke zu verkaufen. Nächstenliebe eben – und Geschäftstüchtigkeit.

Festivals ins Berlin: Hier geht's zu einem Überblick über die Termine der Saison.

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