Fête de la Musique : Musikalischer Sommeranfang

Die Fête de la Musique ist die alljährliche Generalmobilmachung der Musikszene, umsonst und draußen, für Laien und Profis. Sie mobilisiert 4000 Musiker auf Bühnen und Straßen.

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Klänge contra Automaten. Die Band Betouma probt für die Aktion „Tomatencasino“ vor der Orient-Videothek in der Neuköllner Sonnenallee. Ihr Projekt ist Teil der Fête de la Musique und initiiert von Hajo Toppius (rechts mit Tomate). Foto: Thilo Rückeis
Klänge contra Automaten. Die Band Betouma probt für die Aktion „Tomatencasino“ vor der Orient-Videothek in der Neuköllner...

Das ist hier der Gaza-Streifen, sagt Max, der beim Sprechen von einer Kippe behindert wird. Er kann ja nicht ahnen, dass hinter ihm zufällig Syrien liegt, weil Lutfi Alhabbat daher stammt, der Inhaber des Shisha-Ladens „Orient-Video“. Egal. Ist eben Arabisch-Neukölln hier, Sonnenallee, Höhe Pannierstraße. Vor dem Orient Video ist Stellprobe für den „Fête de la Musique“-Gig am Dienstag. Dann werden sie mitten im Alltag der Straße stehen und den Sonnenallee-Sound – hupende Autos, anfahrende Busse, streitende Arabboys – mit ihren Klanggirlanden aus Jazz, Latin, Flamenco, Fusion verzieren: Max aus Berlin (Kontrabass), Chema aus Madrid (Gitarre) und Joseph aus Toulouse (Saxofon). Ihre Band nennt sich „Betouma“.

Der kalendarische Sommer beginnt mit einem Open-Air-Festival aller Musikgenres. Die Fête de la Musique ist die alljährliche Generalmobilmachung der Musikszene, umsonst und draußen, für Laien und Profis, eine Einladung an alle, ein paar Dylan-Balladen zu interpretieren, einfach so, am Nachmittag. Für Straßenmusik gibt es eine pauschale Genehmigung, von 16 bis 22 Uhr. Danach darf nur noch in geschlossenen Räumen musiziert werden.

Rund 4000 Klangkünstler treten auf mehr als 100 Bühnen auf. 750 Ensembles haben sich angemeldet. Erstmals beteiligen sich Veranstalter aus allen Bezirken. Das liegt vor allem an den Kirchen, deren Blechbläserensembles stadtweit um 18.30 Uhr zum „Turmblasen“ antreten. Die meisten Bühnen, 32 insgesamt, werden in Friedrichshain-Kreuzberg aufgebaut, in Mitte sind es 25, Marzahn-Hellersdorf und Steglitz-Zehlendorf sind mit je einer Spielstätte vertreten.

Die Fête de la Musique, 1982 in Frankreich erfunden, ist eine Sache für Idealisten. Dass Nachwuchsbands hier ihren Durchbruch erleben, dürfte die Ausnahme bleiben. Seeed sollen mal auf einer Fête angefangen haben. Seit 1995 gibt es die Fête in Berlin. 2010 zählten die Organisatoren trotz laufender Fußball-WM in Südafrika 90 000 Besucher. Dabei ist das nur eine Schätzung, weil viele Spontan-Gigs und ihre Besucher gar nicht registriert werden.

Auch Klassikensembles sind in diesem Jahr gut vertreten. Die „Jeunes Classique“ der Universität der Künste gastieren im Humboldt-Carré in der Behrenstraße, Schüler des Julius-Stern-Instituts treten im Roten Rathaus auf und das „Young Asian Chamber Orchester“ bittet ins Chinesische Kulturinstitut in der Klingelhöferstraße. Dort kommt es zu einer Uraufführung von drei Liedern für Sopran und Streichorchester nach einem Gedicht über das Erdbeben in Japan.

Damit keine Anarchie auf den Straßen ausbricht, haben die Veranstalter ein paar Regeln aufgestellt: Außerhalb der Bühnen sind elektronische Verstärker tabu. Auch „Schwarz-Bühnen“ sind streng untersagt. Und wer Eintritt nimmt, verstößt gegen das eherne Prinzip der Fête und sollte sich was schämen. Die Sonnenallee nimmt im Spektrum der Aufführungsorte einen besonderen Status ein: Sie wird zur Bühne. Zwischen Hobrecht- und Schönstedtstraße sind 18 Standorte markiert, an denen mehr als 50 Bands auftreten.

Für diesen Spezialfall organisierter Straßenmucke ist die Künstlergruppe „Kollegenzweikommadrei“ verantwortlich, die den Club Antje Oeklesund in der Rigaer Straße in Friedrichshain betreibt. „Wir wollen die Straßenmusik-Idee befördern“, sagt Zweikommadreikollege Hajo Toppius. Dass sonst überall Bühnen aufgebaut werden, sei nicht gerade stilprägend für die Fête de la Musique. Jede Band bekommt von der Künstlergruppe ein selbst gebautes, batteriebetriebenes und damit behördlich zugelassenes Megafon zur Seite gestellt, damit die Musik nicht vollends im Straßenlärm untergeht.

Die Aktion firmiert unter dem Namen „Tomatencasino“, weil es so viele Automatencasinos in der Sonnenallee gib. Die erscheinen den Musikmachern verdächtig ruhig und sollen deswegen als Fremdkörper geoutet werden.

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