Berlin : Feuer an Bord!

Ein neuer Gedenkstein erinnert an die Berliner Schiffstragödie von 1951 mit mindestens 30 Toten

Alexander Schäfer

Der 5. Juli 1951, ein Donnerstag, sollte ein fröhlicher Tag werden. Zwar war das Wetter regnerisch, die Temperatur kletterte nicht über 17 Grad, und der Wind wehte kräftig. Dennoch freuten sich die Kinder zweier Schulen im Prenzlauer Berg darauf, mit Motorschiffen nach Köpenick zu fahren. Es war schließlich Sommer, und nun wollten die Klassen zu den Ferienspielen nach Hessenwinkel. Um 9.35 Uhr legte das Schiff „Heimatland“ am Kreuzberger Gröbenufer ab und tuckerte durch die kriegszerstörte Innenstadt. Um 9.45 Uhr machte es noch einen kurzen Stopp am Treptower Hafen; weitere Menschen stiegen zu. Auch das Schiff „Elfriede“ dockte dort an. Niemand konnte ahnen, dass die schwerste Katastrophe der Berliner Fahrgastschifffahrt bevorstand, an die seit gestern ein Gedenkstein am Treptower Hafen erinnert.

„Feuer an Bord!“, schallt es um 9.52 Uhr auf der „Heimatland“. Das Schiff steht plötzlich in Flammen. Eben erst hat es mit 127 Passagieren den Treptower Hafen verlassen. Dann ein lauter Knall. Flammen lodern über das Deck. Eine Explosion im Maschinenraum hat die ersten Kinder in die Spree geschleudert. Viele können noch nicht schwimmen.

„Diese Bilder werde ich nie wieder vergessen“, erinnert sich Kapitän Bernhard Langwaldt, der die „Elfriede“ spreeaufwärts steuerte. Bilder, wie innerhalb von Sekunden das Schiff sich in ein Flammenmeer verwandelt; wie schreiende Kinder mit brennender Kleidung umherlaufen; wie eine Lehrerin und Schüler in die Spree springen. „Sie sind einfach untergegangen. Da konnte ich nicht helfen.“

Dem heute 85-jährigen Bernhard Langwaldt war es zu verdanken, dass weit über die Hälfte der Menschen auf der „Heimatland“ überlebten. Langwaldt steuerte die „Elfriede“ dicht neben das Unglücksschiff. Dicker Qualm verhüllte es, die Ruderanlage war ausgefallen und es trieb nun in der Flussmitte stromabwärts.

„Ein Vergaserbrand war die Ursache“, sagt Tristan Micke, der für das Heimatmuseum Köpenick einen Bericht über die Katastrophe anfertigte. Der Vergaserbrand führte zur Explosion des Benzintanks, der wiederum setzte den Motorraum in Brand. Von dort breitete sich das Feuer rasch über das gesamte Schiff aus.

Dutzende Kinder nutzten das Manöver von Bernhard Langwaldt und sprangen über die Reling auf das Deck der „Elfriede“. „Das war wiederum sehr gefährlich“, sagt Langwaldt. „200 Menschen waren plötzlich an Bord.“ Das war deutlich zu viel; eine erneute Katastrophe drohte. Doch er konnte sein Schiff wieder zurück in den Treptower Hafen manövrieren und die Überlebenden aussteigen lassen. Neben Langwaldt halfen auch andere. Passanten, die zufällig den Brand vom Ufer aus beobachteten, sprangen spontan ins Wasser, um die Kinder zu retten. Eine Woche später ehrte der Ost-Berliner Oberbürgermeister Friedrich Ebert insgesamt 34 Lebensretter.

Die Katastrophe wurde ideologisch ausgeschlachtet, befand man sich doch gerade in der heißen Anfangsphase des Kalten Krieges. Die in Ost-Berlin erscheinende Zeitung „Der Morgen“ titelte am 7. Juli 1951: „Schiffsunglück politisch mißbraucht“. Man habe Verleumdungen der „Hetzpresse“ zurückweisen können. Der Tagesspiegel hatte berichtet, dass die Volkspolizei sich nicht genügend um die im Wasser treibenden Kinder gekümmert habe. Außerdem seien von der West-Berliner Polizei Boote geschickt worden, die Volkspolizei habe die Hilfe aber abgelehnt. Die Zeitungen aus Ost-Berlin stellten dagegen den aufopferungsvollen Einsatz der Retter in den Vordergrund. Schwierigkeiten wurden der West-Berliner Seite angelastet. Ein Stück der Köpenicker Straße habe nicht benutzt werden können, da sie im amerikanischen Sektor lag. Die Öffentlichkeit sollte sich möglichst schnell beruhigen, da kein Schatten auf die bevorstehenden Weltfestspiele der Jugend in Ost-Berlin fallen sollte.

Zu den Opferzahlen gab es unterschiedliche Angaben: In Ost-Berliner Zeitungen konnte man zunächst von 25 Verunglückten lesen. In West-Berliner Zeitungen war von bis zu 50 Todesopfern die Rede. Auf dem gestern Nachmittag vom Bezirk Treptow-Köpenick eingeweihten Gedenkstein am Treptower Hafen liest man die Zahl von 30 Opfern, die identifiziert wurden – davon 28 Kinder.

Der Kapitän der „Heimatland“ wurde damals für schuldig erklärt. Als gleichzeitiger Reedereibesitzer hatte er den Benzintank unsachgemäß eingebaut. Er bekam 15 Jahre Zuchthaus.

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