Feuer : Der helle Schrecken

1093 Brände hat die Polizei letztes Jahr gezählt. Meistens war es Vorsatz. Warum Feuer zur Realität einer Großstadt gehören – und warum das Grauen auch fasziniert.

Andreas Conrad
Feuer
Bei Randalen am 1. Mai kam es in den Vorjahren oft zu Brandstiftungen. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ihr Herren nehmt euch wohl in Acht,
Haltet Berlin in guter Wacht;
Ich mach euch dieses wohl bekannt,
Berlin wird nächstens abgebrannt.



Diese etwas holprigen Verse sind knapp zwei Jahrhunderte alt. Erstmals 1818 gedruckt, wurden sie dem berüchtigten Brandstifter Horst zugeschrieben, der damals schon fünf Jahre tot war. Das „Mordbrennerlied“ erinnerte an die Taten seiner Bande, die in Österreich, Sachsen, Preußen und zuletzt im Berliner Raum Häuser und Höfe angesteckt hatte, um sie in der allgemeinen Aufregung bequemer ausplündern zu können – ein nicht sehr effektives Verfahren, das die Bevölkerung aber in tiefe Angst versetzte. Heinrich von Kleist hatte die Brandstiftungen in seinen erstmals 1810 erschienenen „Berliner Abendblättern“ regelmäßig gemeldet, nicht zuletzt diesen Polizeinachrichten verdankte das Blatt, die erste hiesige Tageszeitung, seinen anfänglichen Erfolg.

Horsts Räubertrick mag überholt sein, das Delikt der Brandstiftung ist es nicht. Die Kriminalstatistiken der Berliner Polizei weisen für 2008 insgesamt 1093 Feuer aus, davon entstanden 795 durch vorsätzliche Brandstiftung. Zündeleien sind fast Alltagsmeldungen in den Medien, doch mitunter schieben sie sich in den Vordergrund wie jüngst die Serienbrandstiftung in einem Mietshaus in der Huttenstraße: Fünf Feuer in gut zwei Monaten, eine Frau kam dabei ums Leben.

Die Brandserie dürfte noch lange in Erinnerung bleiben, ebenso wie die neun Toten aus der Moabiter Ufnaustraße im Spätsommer 2005 oder die acht Toten aus dem Hotel „Central“ am Kurfürstendamm im Dezember 1989. Solche Katastrophen brennen sich tief ins kollektive Gedächtnis. Schon der historische Brandstifter Horst blieb lange unvergessen: Ein ebenfalls ihm zugeschriebenes Spottgedicht auf einem Zettel, der 1810 nach einem beim Schöneberger Dorfschulzen Willmann ausgebrochenen Großbrand am Tatort gefunden wurde, war noch in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts unter den Willmannschen Nachkommen bekannt, und noch 1985 konnte man die bei der Tat entwendete Pfeife des Schulzen, mit der Horst später überführt werden konnte, in einer Ausstellung im Schloss Charlottenburg sehen.

Dass solch eine verheerende Brandserie eine Zeit lang in die Alt-Berliner Bänkelliedkultur Eingang fand, zeigt zugleich die merkwürdig ambivalente Wirkung, die das entflammte Zuhause, der Zimmerbrand wie die Feuersbrunst, auszuüben vermag. Vielleicht haben schon die Höhlenmenschen in ihr erstes Lagerfeuer mit jener Mischung aus Besorgnis und Faszination geguckt, die noch heute eine Meldung über lodernde Flammen im trauten Heim auslöst. Dort wünscht man es sich gemütlich und geordnet, gerne auch mit flackerndem Kamin, aber wie leicht, ob nun versehentlich oder vorsätzlich, schlägt das Wohlbehagen um in Entsetzen, wird aus dem freundlich wärmenden Element ein alles verzehrender Feind. Feuer, das war immer auch das Symbol der Unruhe, des Aufbegehrens, der Revolte, und daher hat es die braven Bürger zwar empört, im Innersten aber kaum überrascht, als bei den Kreuzberger Krawallen am 1. Mai 1987 nicht nur Müllcontainer, sondern gleich ein ganzer Bolle-Markt in Flammen aufging. Erst später stellte sich heraus: Der Täter war kein politischer Brandstifter, sondern ein Pyromane.

Die Doppelwirkung des Feuers, der spielerische Spaß am heißen Grauen, lässt sich vielleicht noch am besten an den Manifestationen der Pop-Kultur ablesen. Sie dient zunächst einmal der Unterhaltung, aber allzu oft geht es darin, mit dem Untergang kokettierend, um Feuer, Flammen, Inferno, in konkreter wie metaphorischer Form. Die Liste reicht von „Light My Fire“ (The Doors) und „Ring Of Fire“ (Johnny Cash) bis zu „Burning Down the House“ (Talking Heads) und „This Fire“ (Franz Ferdinand), dessen Refrain „I’m going to burn this city / Burn this city“ dem alten „Mordbrennerlied“ doch schon wieder sehr nahekommt.

Selbst von einem realen Brand Betroffene vermögen daraus in gewissem Maße noch Genuss zu ziehen, und sei es auch nur in der sprachlichen Bewältigung des Traumas. So wie E.T.A. Hoffmann, der am 29. Juli 1817 in seiner Wohnung an der Charlotten-/Ecke Taubenstraße aus unmittelbarer Nähe den Brand des alten Langhansschen Schauspielhauses mitverfolgen konnte. Das wahrscheinlich durch Unachtsamkeit bei Dacharbeiten entstandene Feuer bedeutete zugleich das Ende der Aufführungen seiner sehr erfolgreichen Oper „Undine“, Titelheldin war ausgerechnet eine Wasserfee. Gleichwohl beschrieb der Dichter das Desaster später mit viel Humor, schilderte einem Freund, „dass der Kredit des Staats wankte, da, als die Perückenkammer in Flammen und fünftausend Perücken aufflogen, Unzelmanns Perücke aus dem ,Dorfbarbier‘ mit einem langen Zopf wie ein bedrohliches, feuriges Meteor über dem Bankgebäude schwebte.“ Erst ein „couragöser Gardejäger“ habe das bedrohliche Ungetüm mit einem Schuss herabgeholt.

Die Stadt hatte damals noch Glück gehabt. In Hoffmanns vorderen Zimmern waren durch die Hitze alle Scheiben zerbrochen, und die Ölfarbe tropfte von den Rahmen. Leicht hätte sich das Feuer auf dem Gendarmenmarkt zu einem Flächenbrand ausweiten können, wie ihn Berlin schon manches Mal erlebt hatte und eigentlich jede andere Stadt in Europa und anderswo auch: Rom unter Nero im Jahre 64; London 1189 und besonders 1666, als vier Fünftel der Stadt, über 13 000 Häuser und 87 Kirchen, in Flammen aufgingen; Hamburg 1842; Chicago 1871; die durch Erdbeben ausgelösten Feuersbrünste von San Francisco 1906 und Lissabon 1755, dessen Altstadtviertel 1988 noch einmal von Flammen verwüstet wurden; schließlich die Brandschatzungen, Kanonaden und Bombardements in zahllosen Kriegen. Leicht lässt sich auch für Berlin eine Liste der historischen Brandkatastrophen erstellen. Noch in die Zeit der Doppelstadt Berlin/Cölln fallen die Feuersbrünste von 1348, 1376 und 1380. Besonders letztere, die durch einen feindlich gesonnenen Ritter aus Saarmund ausgelöst worden sein soll, war verheerend, das Berliner Rathaus und andere öffentliche Gebäude fielen ihr zum Opfer, dazu Kirchen und Bürgerhäuser. Letztere waren damals noch oft aus Holz und Lehm gebaut, mit Schindel- oder gar Strohdächern. 1481 und 1581 brannte das Berliner Rathaus schon wieder ab, 1620 mussten 40 Häuser in Spandau dran glauben. Erst 1672 verbot eine Verordnung für Berlin wegen der vielen Brände Schornsteine aus Holz, auch strohgefüllte Scheunen im Stadtgebiet waren jetzt nicht mehr zulässig. Gegen Blitzschlag blieb man dagegen machtlos: Am 29. Mai 1730 brannten so die Cöllner Petrikirche und über 40 Gebäude der Umgebung ab. 1809 gab es dort gleich noch einmal ein Feuer.

Dass es zu solchen Katastrophen kommen konnte, lag auch am Fehlen einer effektiv arbeitenden Berufsfeuerwehr, auf die Berlin noch bis 1851 warten musste. Auch dank besserer Bautechniken und schärferer Brandschutzvorschriften war damals die Gefahr bereits gesunken, dass durch ein vergessenes Herdfeuer, eine umgekippte Kerze ein ganzes Viertel ausgelöscht wird. Doch gegen das Inferno aus Spreng- und Phosphorbomben, das im Zweiten Weltkrieg auf Berlin herabregnete, war auch mit der besten Feuerwehr nichts auszurichten.

Gegenüber diesen staatlichen Methoden der Brandstiftung waren die tradtionellen Techniken des alten Feuerteufels Horst geradezu dilettantisch, gleichwohl hochgefährlich: etwa ein alter Baumwollhandschuh, gefüllt „mit einer Menge Holzkohlen, Feuerschwamm, Papier und einem Präparat von Kohlenstaub und Spiritus“, vor dem Laboratorium eines Apothekers im heutigen Kreuzberg abgelegt, doch glücklicherweise rechtzeitig entdeckt, wie Kleists „Berliner Abendblätter“ am 2. Oktober 1810 meldeten.

Die Hinrichtung des Feuerteufels Horst hat Kleist, der sich und seine Geliebte Henriette Vogel am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee erschoss, nicht mehr erlebt. Brandstiftungen in mindestens 45 Städten, Marktflecken und Dörfern, darunter 16 im Berliner Raum, hatte Horst gestanden, sechs Menschen waren dabei gestorben. Gemeinsam mit seiner Komplizin Luise Delitz wurde er zum Tod durch Verbrennen verurteilt, immerhin war der Henker angewiesen worden, die beiden Delinquenten vor dem Entzünden des Feuers heimlich zu erdrosseln. Die öffentliche Hinrichtung erfolgte am 28. Mai 1813 nahe der Jungfernheide. Es war der letzte Scheiterhaufen Preußens.

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