Berlin : Feuer frei

Hans-Georg Kehse nennt sich gern Pyro-Designer. Seit 15 Jahren setzt er „Treptow in Flammen“

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Der musikalische Klassiker, um ein pyrotechnisches Schauspiel zu eröffnen? Natürlich Händels Feuerwerksmusik. Darauf muss man heute aber gar nicht spekulieren: Mit dem Soundtrack zu dem Kriegsfilm „Der Soldat James Ryan“ wird sich stattdessen eine feuerrote Chrysantheme entfalten – Auftakt eines 15minütigen Spektakels, dass Punkt 22 Uhr 45 „Treptow in Flammen“ setzen soll. So heißt das Traditionsfeuerwerk, das jährlich etwa 100000 Besucher anlockt. Auch heute werden sich die ersten schon Stunden vorher im „Zenner“-Biergarten einen Platz sichern. Das Feuerwerk steigt gegenüber auf der Insel der Jugend.

Das ist dem Feuerwerkskünstler Hans-Georg Kehse zu verdanken. Seit 15 Jahren steht seine Firma Pyro-Art hinter dem traditionsreichen Spektakel. 1825 wurde anlässlich des „Stralauer Fischzugs“ erstmals ein Feuerwerk in Treptow gezündet. Das heute Abend finanziert Kehse zu zwei Dritteln aus eigener Tasche. Insgesamt über 3000 Feuerwerkseffekte schießt der Pyro-Designer, wie er sich auch nennt, mit seinem zehnköpfigen Team heute alle vier Sekunden in den Himmel. Zu den Klängen von „Star Wars“ hat sich Kehse ein gigantisches Finale ausgedacht – und hofft, dass es nicht das Ende von „Treptow in Flammen“ überhaupt ist. „Ein weiteres Sponsoring können wir uns 2006 nicht leisten.“

Auf seinem 15000 Quadratmeter großem Gelände in Buchholz kann Kehse über 100 Tonnen Explosivstoffe lagern – seit der Firmengründung 1990 in eigener Regie, vor der Wende unter Leitung des Sprengstoffwerks Schönebeck. „Wo heute meine Firma ist, war zu DDR-Zeiten die staatliche Sprengmittelverteilung untergebracht“, erzählt Kehse. Nebenan im VEB Pyrotechnik wurde produziert. Nach der Wende kam nichts mehr von dort. Was Kehse an Pyrotechnik benötigt, kauft oder läßt er herstellen – in Italien und vor allem in China. Dort hat er in Guangzhou sogar ein eigenes Büro. Seinen Ruf als internationaler Feuerwerks-Künstler erwarb sich der 49-Jährige unter anderen bei der Neueröffnung des Olympiastadions am 31. Juli 2004. Seine Feuerwerks-Choreografie hielten viele für das Beste an diesem Abend. 2002 ließ er den Himmel über Budapest zum ungarischen Nationalfeiertag erstrahlen, am 31. Dezember 1999 zündete er das Millenniums-Feuerwerk auf der Akropolis zur Musik von Mikis Theodorakis.

Wie man Musik mit Feuerwerkseffekten wie Leuchtbögen, Blätterbomben, Goldregen, Raketen und Kreiselblitzen inszeniert, hat sich Hans-Georg Kehse selbst beigebracht. „Hören und Sehen müssen harmonisieren“, sagt der Mann, der 1974 vom väterlichen Bauernhof in Sachsen-Anhalt nach Berlin kam, um an der Humboldt-Universität Landwirtschaft zu studieren. Statt zurück aufs Feld ging Kehse zum Agrarchemiehandel und dadurch zur kunstvollen Ballerei, gehörte dazu doch der staatliche Sprengstoffmittelverteiler in Buchholz. Zur 825-Jahr- Feier des Schlosses Schwerin gab er 1985 seinen Einstand – zur 750-Jahr-Feier durfte er 1987 in Ost-Berlin dem Volk für 2,7 Millionen Mark was vormachen. Heute verkauft er Feuerwerksartikel für jedes Budget – von der Eisfontäne für 50 Cent bis zum Großfeuerwerk für 150000 Euro. Am liebsten aber entwirft Kehse gigantische Himmelsgemälde – so wie heute bei „Treptow in Flammen“.

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