Berlin : Feuersozietät zum Tiefstpreis

Senat bekommt für ältesten Landesbetrieb nur 3,5 Millionen Euro

Ulrich Zawatka-Gerlach

Berlin und Brandenburg haben das älteste Landesunternehmen Berlins verkauft. Die Feuersozietät/Öffentliche Leben, die 1718 von Friedrich WilhelmI. gegründet wurde, wird von einem Konsortium öffentlicher Versicherer aus Bayern, Baden-Württemberg und dem Sachsen übernommen. Viel Geld zahlen sie dafür nicht. 3,5 Millionen Euro fließen in die Berliner und 9,5 Millionen Euro in die brandenburgische Landeskasse. Die großen Probleme der Feuersozietät mit dem riskanten Rückversicherungsgeschäft seien „nicht kaufpreisfördernd“ gewesen, sagte Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) gestern.

Erst 1993 war das Land Brandenburg anteilig in die Versicherung eingestiegen, zehn Jahre später trennten sich die Wege wieder, um eine Privatisierung der Feuersozietät und der dazugehörigen Öffentlichen Lebensversicherung zu erleichtern. Beide Unternehmen wurden in Aktiengesellschaften umgewandelt. Trotzdem waren die Verkaufsverhandlungen schwierig, denn die Feuersozietät geriet 2002 in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Der Absturz der Börsenkurse, Wetterkatastrophen und das Engagement im Rückversicherungsgeschäft erzeugten ein Finanzloch von 46 Millionen Euro, für das Berlin und Brandenburg geradestehen mussten.

Die Feuersozietät wäre beinahe schon einmal pleite gegangen. Das war wenige Jahre nach der Gründung der staatlichen Versicherung, als der Pulverturm am Spandauer Tor explodierte und die Petrikirche samt 44 umliegenden Häusern Feuer fing. Die dramatische Geldentwertung in den zwanziger Jahren und die Teilung Berlins stürzten die Feuersozietät ebenfalls in große Krisen.

Als die Feuersozietät/Öffentliche Leben Mitte 2002 zum Verkauf ausgeschrieben wurde, meldeten sich 81 Interessenten, von denen am Ende ein potenzieller Käufer übrig blieb. Das war die Bayerische Versicherungskammer, die mit anderen Interessenten ein Konsortium bildete. Der komplizierte Kaufvertrag berücksichtigt die schwer abwägbaren Finanzrisiken aus dem Rückversicherungsgeschäft, dass die Feuersozietät auf Druck der Finanzverwaltung vor einem Jahr eingestellt hat. Unter anderem war das Unternehmen an der Schadensabwicklung der Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York mittelbar beteiligt.

„An den Rückversicherungen wäre der Verkauf beinahe gescheitert“, verriet Sarrazin. Nun bleibt ein Kaufpreisanteil von 23,7 Millionen Euro als Risikovorsorge im Unternehmen; die neuen Eigentümer beteiligen sich mit bis zu 5 Millionen Euro an dieser Vorsorge und zahlen darüber hinaus eine Pauschale von 4 Millionen Euro für nicht näher benannte Unternehmenskosten. Alle Mitarbeiter werden übernommen; der Feuersozietät/Öffentliche Leben wird eine Bestandsgarantie von zehn Jahren gegeben. Wären Berlin und Brandenburg Eigentümer geblieben, hätten sie in den nächsten Jahren bis zu 100 Millionen Euro Kapital nachschießen müssen. Eine Abwicklung der Feuersozietät hätte nach Angaben Sarrazins bis zu 50 Millionen Euro gekostet.

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