Feuerwehr : Einsatz Berlin: Retter suchen Nachwuchs

Ceyhun Heptaygun war der erste Türke in der Berliner Feuerwehr. Sie wirbt jetzt verstärkt unter Einwandererkindern.

Ferda Ataman
319216_0_dec5be81.jpg
Im Führerhaus. Brandoberinspektor Ceyhun Heptaygun. Foto: Uwe Steinert

Um halb elf Uhr muss Brandoberinspektor Ceyhun Heptaygun los, sein Personenrufempfänger hat soeben dreimal laut gepiept. Er ist einer von sechs Feuerwehr-Erkundern, die wegen des Ausnahmezustands über die Stadt verteilt eingesetzt sind. Wie die meisten seiner Kollegen bekämpft er heute nicht Flammen oder Fluten, sondern Eiszapfen und Schneebrocken, die von Dächern fallen könnten. Der Abteilungsleiter der Feuerwache Weißensee eilt in voller Montur zu einem roten VW-Kombi mit Blaulicht, wo bereits ein Fahrer auf ihn wartet. Dann geht es los, sechs Kilometer weit bis in die Palisadenstraße in Friedrichshain.

Heptayguns Auftrag: Bewerten, wie gefährlich die Schneeansammlung auf dem Schrägdach von Haus Nummer 65 ist. Der erfahrene 47-Jährige wirft nur einen kurzen Blick aufs Dach, dann steht Heptayguns Urteil fest: „Priorität hoch“. Die Feuerwehr muss mit einer Drehleiter her. Bis die kommt, darf keiner auf dem schmalen Bürgersteig am Haus entlang. Deshalb sperrt Heptaygun den Weg mit einem rot-weiß gestreiften Band ab.

Heptaygun ist groß und sportlich – wie die meisten seiner Kollegen. Für die Berliner Feuerwehr ist er dennoch etwas Besonderes: Der Berliner ist in der Türkei geboren, mit neun Jahren nach Deutschland gekommen und spricht „mehr oder weniger gut Türkisch“, wie er sagt. Als Heptaygun mit 21 zufällig einen Feuerwehrmann kennenlernt, bewirbt er sich zur Ausbildung – und wird Berlins erster Türke bei der Feuerwehr. Auch wenn der Wachabteilungsleiter den Ausdruck „Migrationshintergrund“ nicht mag und sich als ganz normaler Mitarbeiter sieht – die Feuerwehr ist ausgenommen froh, dass sie ihn hat.

Demnächst soll der Einsatzleiter in Schulen gehen und bei Info-Veranstaltungen auftreten – als Vorbild, um bei Schülern aus Einwandererfamilien für seinen Job zu werben. „Wir wollen die Berliner Gesellschaft auch in unserer Belegschaft abbilden“, sagt Feuerwehrsprecher Stephan Fleischer. Da gibt es noch einiges zu tun: Rund 25 Prozent der Berliner haben einen Migrationshintergrund, bei der Feuerwehr weniger als fünf Prozent. Von den 4000 Mitarbeitern, die in den 38 Wachen und der Leitstelle arbeiten, stammen etwa 150 aus Einwandererfamilien.

Die Feuerwehr hat ein Nachwuchsproblem – nicht nur bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund. „Es kommt schon vor, dass mit 1000 Bewerbern keine 20 Stellen besetzt werden können“, sagt Fleischer. Zu viele der Kandidaten erfüllten die Voraussetzungen nicht: Die Bewerber müssen sportlich sein, eine ärztliche Untersuchung und einen Wissenstest bestehen. Bislang mussten sie auch eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen, doch davon sieht die Feuerwehr seit neuestem ab. Für junge Menschen mit Mittlerem Schulabschluss (MSA) bietet sie nun einen Vorbereitungskurs, eine 18-monatige „handwerklich-technische Qualifizierung“ für den Berufseinstieg zum Feuerwehrmann und zur Feuerwehrfrau. Das Pilotprojekt heißt „Einsatz Berlin“ .

Für den neuen Weg in die Behörde wirbt die Feuerwehr nun auch verstärkt unter Einwandererkindern. „Die meisten Kinder in Neukölln, Wedding und Kreuzberg wissen gar nicht, dass der Beruf auch für sie infrage kommt“, sagt Heptaygun. Zudem sei der Beruf in manchen Herkunftsländern nicht so hoch angesehen wie in Deutschland. In der Türkei etwa gelte er eher als schmutziger, gefährlicher Job, den wenige freiwillig machen wollen.

Um mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund zu gewinnen, hat die Feuerwehr im vergangenen Jahr eine Kooperationsvereinbarungen mit der Türkischen Gemeinde zu Berlin unterzeichnet. Sie soll dabei helfen, den speziellen Beamtenberuf unter der größten Einwanderergruppe als gesicherte und lukrative Perspektive bekannt zu machen. Denn das ist er: Wer die Ausbildung bei der Feuerwehr durchläuft, wird später verbeamtet und muss sich um seine berufliche Zukunft kaum länger sorgen.

Dafür wird vorher genau ausgewählt, wer ausgebildet wird. Der erste Lehrgang von „Einsatz Berlin“ hat bereits begonnen – rund 370 Jugendliche hatten sich auf die 15 Stellen beworben, darunter 113 Jugendliche mit Migrationshintergrund. Von ihnen hat jedoch keiner alle Anforderungen erfüllen können. Also muss Ceyhun Heptaygun, der eigentlich nicht als „Vorzeigeausländer“ herhalten wollte, für den zweiten Lehrgang ab September noch kräftig die Werbetrommel rühren. Immerhin kann er das voller Überzeugung tun. Heptaygun mag seinen Beruf. „Ich möchte nichts anderes machen“, sagt er. Dann muss er wieder los. Sein Personenrufempfänger macht piep-piep-piep.

Bewerbungen für das Qualifizierungsprogramm der Feuerwehr „Einsatz Berlin“ müssen bis 15. Mai eingereicht werden. Infos unter www.einsatz-berlin.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar