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Berlin : Feuerwehrchef fordert Abrüstung

29.12.2012 00:00 Uhrvon und
Abstand halten. Feuerwehrchef Wilfried Gräfling warnt vor den sogenannten Pollenböllern. Wer illegale Kracher zündet, gefährdet nicht nur sich selbst und andere, sondern begeht auch eine Straftat. Foto: dpa/Britta PedersenBild vergrößern
Abstand halten. Feuerwehrchef Wilfried Gräfling warnt vor den sogenannten Pollenböllern. Wer illegale Kracher zündet, gefährdet nicht nur sich selbst und andere, sondern begeht... - Foto: dpa

Landesbranddirektor warnt vor illegalen Böllern aus Polen. Für die Durchsetzung eines Verbots müsste das Nachbarland mitziehen.

Die Feuerwehr wird in der Silvesternacht mit 1200 Mann im Einsatz sein. Das sind doppelt so viele wie an anderen Tagen. Hinzu kommen 300 Sanitäter vom Roten Kreuz und anderen Hilfsdiensten. Das sagte Landesbranddirektor Wilfried Gräfling am Freitag. In der Leitstelle sollen alle 60 Annahmeplätze für den Notruf 112 besetzt sein. Gräfling erwartet, dass es in der Nacht viele Brände und Verletzte durch Pyrotechnik geben wird. Schon jetzt hat es sieben teils schwer Verletzte durch Kracher gegeben, mehr als in den Vorjahren. Soweit bekannt, sind in allen Fällen illegale Böller mit hoher Sprengwirkung gezündet worden, die vermutlich in Polen gekauft worden sind.

Die Polizei hat in den vergangenen beiden Jahren drastische Anstiege bei Straftaten gegen das Sprengstoffgesetz registriert. So erhalten alle, die beim Zündeln mit Polenböllern erwischt werden, eine Anzeige nach dem Sprengstoffgesetz – auch wenn sie schwer verletzt wurden.

Gräfling nannte die Situation „unbefriedigend“, dass im Nachbarland gefährliche – und in Deutschland deshalb nicht zugelassene – Kracher ganzjährig verkauft werden. Deutschland habe zwar EU-weit mit die strengsten Regeln, sagte Gräfling. Doch wegen der offenen Grenzen sei der illegale Import nicht zu verhindern. „Es ist ja auch nicht wünschenswert, dass vor Silvester wieder die Grenzen geschlossen werden.“ Strengere Regeln im Nachbarland wären natürlich „wünschenswert“, sagte der Feuerwehrchef, dies sei aber Sache Polens.

Doch auch die in Deutschland geltenden Gesetze sind weitgehend unbekannt oder werden ignoriert. So ist es nach dem bundesweit geltenden Sprengstoffgesetz verboten, in unmittelbarer Nähe von Kirchen, Krankenhäusern, Kinder- und Altersheimen sowie Reet- und Fachwerkhäusern Feuerwerkskörper abzubrennnen. Während Brandenburgs Innenminister Dietmar Woidke auf dieses Verbot hinwies, verzichtete Berlin darauf. Es könne nicht kontrolliert werden, hieß es im Berliner Polizeipräsidium. Um Schäden durch Silvestervandalismus zu verhindern, schalten zum Beispiel mehrere Bezirke ihre Parkscheinautomaten ab.

Vor zehn Jahren hatte der damalige Landesbranddirektor Albrecht Broemme ein Böllerverbot angeregt, nachdem es in der Silvesternacht 2002/03 viele Verletzte und Brände gegeben hatte. Er sprach von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ und verwies auf Verbote in anderen Ländern. Sein Nachfolger Gräfling hält ein Verbot für nicht durchsetzbar – er selbst zündet aber seit Jahren keine Raketen mehr an. Als Jugendlicher habe ihm eine nicht richtig funktionierende Rakete das Hemd versengt – „das war gefährlich“.

Die von der EU vor einem Jahr auf 500 Gramm angehobene Menge von Schwarzpulver in Feuerwerk hat nach Angaben der Feuerwehr in Berlin nicht zu mehr Schäden geführt. Gräfling berichtete aber, dass Anleitungen kursieren, wie Feuerwerk so umgebaut werden kann, dass die Ladungen nicht nacheinander zünden, sondern auf einen Schlag.

Der Brandenburger Europaabgeordnete Christian Ehler (CDU) hat sich die EU-Regeln genauer angeschaut. „Wenn mit grobem Vorsatz illegale Böller gekauft werden, dann sind auch die Handlungsmöglichkeiten des Gesetzgebers begrenzt“, sagt er. „Auch vor der Öffnung der Grenzen nach Polen wurde nicht weniger verkauft.“ Zumindest gebe es seit 2007 eine einheitliche Regelung in der EU. In allen Mitgliedstaaten müssen die Böller und Raketen einer Sicherheitsprüfung unterzogen werden. Händler können demnach erkennen, ob sie zugelassene Produkte verkaufen – „wenn sie denn wollen“, sagt Ehler. Tatsächlich aber wendet Deutschland die Vorgaben der EU strenger an, hier ist nur Schwarzpulver in den Böllern erlaubt, in den anderen EU-Staaten bis zu ein Gramm sogenannter Blitzknallstoff, der schneller und lauter explodiert. Auch in Raketen ist weniger Treibstoff enthalten als anderswo. Das Bundesamt für Materialforschung (BAM) prüft immer weniger Knaller selbst, sondern sichtet immer häufiger nur die Prüfunterlagen der zwölf anderen in der EU zugelassenen Genehmigungsbehörden und Institute. Die gefährlichen Polenböller aber, die illegal und auf „quasi-industrieller Basis hergestellt werden, sind auch in Polen illegal“, sagt Ehler. „Die Strafverfolgung ist aber übersichtlich. Dort wird es von der Polizei offensichtlich eher toleriert.“

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