Berlin : Filmdepot: Kirk Douglas im Schmuddel-Karton

Deike Diening

Bevor die Wettbewerbsfilme auf der Berlinale anlaufen, hat Bodo Müller sie alle schon gesehen. Bodo Müller arbeitet im Filmdepot und jede einzelne Rolle Film muss durch seine Hände. Schon seit Wochen sitzt er täglich vor dem Schneidetisch und kontrolliert die ankommenden Filmrollen auf Vollständigkeit, Unversehrtheit und richtige Spulung. Bodo Müller, denkt man, ist zu beneiden: Dafür, dass er alles von seinem Drehstuhl aus schon vorher ansehen kann. Und auch noch dafür bezahlt wird. Doch längst beschreibt Müller seinen Zustand mit "Filmekel". Der verschlimmert sich, wenn wieder eine Sackkarre mit frischen Rollen angeliefert wird. Für jeden Tag der Berlinale muss er durchschnittlich drei Filme und somit sechs Kopien kontrollieren.

Vor lauter Arbeit ist das Depot schon ziemlich verqualmt. Zum Ausgleich steht ein Teller frisches Obst herum. Im Gang stehen sieben quadratische, kniehohe Metallkoffer. Da ist Kirk Douglas drin, in "Spartacus". "70-Millimeter-Film, ein ganz altes Format," sagt Anja Rechenberg, die die Filme der Retrospektive kontrolliert. Sie hatte all die alten Schinken unter ihren weiß behandschuhten Fingern.

Diese ganze Arbeit fällt deshalb an, weil es während des Festivals Pflicht ist, alle Filme "von der Rolle vorzuführen" und nicht, wie in modernen Kinos üblich, "vom Teller". Auf dem Teller liegt nämlich der gesamte Film in einem Stück, so schwer, dass ein einzelner ihn nicht mehr heben kann. Die Arbeit des Filmvorführers, der für den Zuschauer unsichtbar die Rollen aneinanderreihen soll, ist damit überflüssig. Nur auf der Berlinale, da müssen die Anschlüsse der einzelnen Rollen wieder stimmen.

Die Mitarbeiter im Depot müssen sich auf die unterschiedlichen Filmmaterialien einstellen: Polyester, Nylon, und nein, schon lange kein Zelluloid mehr, das ist nämlich hochbrennbar. Sie müssen sich an digitale Tonformate herantasten, Steuerspuren auf den Filmstreifen erkennen und Lochungen im Film richtig zuordnen. Ist ein Film fertig, wird noch die Berlinale-Fanfare vorne angeklebt, damit nicht vor lauter Übermüdung ein Journalist plötzlich aus Cannes berichtet. Die ganze gewichtige Berlinale ist im Filmlager plötzlich heruntergebrochen auf diese kleinsten Details der Techniker, die unaufgeregt über Wohl und Wehe entscheiden. Von den großen Gesten derer da draußen ist hier nicht mehr viel übrig.

Die Regale stehen voller romantischer aber schmuddeliger Pappkisten. Jede dieser Kisten beinhaltet einen Film auf mehreren Rollen - vergängliche Hülle für jede Menge "unvergängliches Kino". "Brazil" oder "Cry Freedom", steht auf den Zetteln, manchmal auch "bitte waschen" - ein paar Nummern und noch einen Gurt drum herum, damit nicht alles auseinanderfällt. Florian von Hoermann liebt dieses Lager. "Es hat eine gewisse Heiligkeit", sagt er und lacht darüber, dass er es ernst meint. Wenn das alles hier für ein paar Wochen an Spannung gewinnt, ist von Hoermann hier gerne einer der Fahrer. Er, der im richtigen Leben Kameraassistent ist, fährt dann in einem schwarzen Kleinlaster von Kino zu Kino und liefert die Wettbewerbsfilme aus. "Immer zu zweit - dann kann einer noch liefern, wenn der zweite ausfällt", sagt sein Kollege Steffen, im richtigen Leben promovierter Germanist. Wer einmal Moritz de Hadeln persönlich kennenlernen will, muss bloß eine Panne produzieren. "Man trägt dann diesen riesigen Schlüsselbund mit sich rum", erzählt er: am Potsdamer Platz benutzen die Lieferanten teilweise die unterirdischen Versorgungswege, sie fahren in Fahrstühlen, die dem Publikum verschlossen bleiben und müssen im Dienste der Geschwindigkeit schnell mal selber alles aufschließen können. Arbeitszeit? "Bis alles fertig ist." Und wenn das vierzehn Stunden dauert.

Sollte doch einmal etwas schief gehen, eine Rolle oder ein gesamter Kurzfilm vergessen sein, gibt es immer noch das Nottelefon, das zu keinem anderen Zweck benutzt werden darf. Klingelt es, wird einer von ihnen loslaufen mit seinem dicken Schlüsselbund. Er wird durch einen unterirdischen Gang zum Kino hechten, und bevor noch jemand aus dem Publikum "Provinz" sagen kann, mit der richtigen Rolle den richtigen Vorführraum erreichen.

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