Filmfestival in Neukölln : Boddinale: Die peinliche Berlinale

Klein, unfein und hip: Das ist die Boddinale. Das alternative Filmfestival in Neukölln zeigt Seltsamkeiten und Entdeckungen. Dank Smartphones mit Videofunktion hat sich die Zahl der Filmemacher sprunghaft erhöht.

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Guter Geist. Die Maske im Loophole wacht über die Besucher.
Guter Geist. Die Maske im Loophole wacht über die Besucher.Foto: promo

Berlin ist immer noch eine großartige Stadt. Nirgendwo sonst auf der Welt fährt man einfach weiter, wenn man keine Karten mehr für die Berlinale bekommt, und landet in den Achtzigerjahren. An einem Ort, an dem Jünglinge Hornbrillen und Leopardenmusterleggings, die Mädchen Seidenblusen und Samtjacken aus Tokio tragen, und in Filmen, die mehr von der Stadt erzählen als das unglaublich schicke Festival am Potsdamer Platz.

Kultur im verrauchten Kellerraum

Nicht weit vom Rathaus Neukölln, neben Berg-Klause, Afro-Shop und türkischem Kulturverein: das Loophole in der Boddinstraße 60. Eine Ladenwohnung, die vor wenigen Jahren noch ein übel beleumdetes Bordell gewesen ist. Jetzt wacht eine riesige Gipsmaske als guter Geist über dem zahlreich vertretenen Hipstervolk. Zwei Zimmer parterre, treppab eine Kammer im Keller. Man sitzt auf Sofas vom Sperrmüll, auf ausrangierter Flugzeugbestuhlung, auf Bierkästen. Der Rauch von hundert Zigaretten in der Luft.

Filmemachergespräche: „Ich habe mich zu Tode distributiert!“ – „Da musste durch, kannste nichts machen!“

Georg Jungermann ist einer von ihnen. Sein Kurzfilm „Evolution“, 11 Minuten lang, war schon auf 44 Festivals weltweit zu sehen und hat sechs Preise erhalten. Jetzt endlich kann der Regisseur ihn auch in Berlin zeigen; es ist eine anrührend beschwingte Liebesgeschichte. Tausend Euro sollte der Film kosten, dann wurden es doch 2000. Nun hofft Jungermann auf seinen ersten langen Film, dafür braucht er allerdings eine Million Euro.

Eitle Monologe und abgefilmte Telefongespräche

Das Publikum zeigt cineastische Geduld und Leidensfähigkeit. Manche Filme sind grauenhaft, eitle Monologe und abgefilmte Telefongespräche. Seit es Smartphones mit Videofunktion gibt, hat sich die Zahl der Filmemacher sprunghaft erhöht.

Innerhalb von drei Jahren ist das Festival heftig aus den Fugen geraten. In zwei Ladenwohnungen gegenüber werden die Filme zeitgleich gezeigt. Zehn Tage lang können 83 Regisseure ihre Werke und sich selbst vorstellen. Es sind, wie auf jedem anderen Festival, Peinlichkeiten dabei, aber auch wirkliche Entdeckungen. Jeden Abend von 18 bis 23 Uhr sind die bunt gemischten Filme zu sehen, am Sonntag findet dann die Preisverleihung statt.

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