Filmfestival : "Polnische Versager" machen großes Kino

Der Club in Mitte mit dem selbstironischen Namen ist das Zentrum des Festivals „Film Polska“. Die Organisatoren versprechen nichts Geringeres als die besten Arthouse-Streifen aus dem Nachbarland.

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Drei fürs Kino. Olga Bowgierd (v.l.), Adam Gusowski und Kornel Miglus vom „Club der polnischen Versager“ versprechen beste Filme aus dem Nachbarland.
Drei fürs Kino. Olga Bowgierd (v.l.), Adam Gusowski und Kornel Miglus vom „Club der polnischen Versager“ versprechen beste Filme...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Zwei Männer und eine Frau legen den Kopf in den Nacken. Und gucken direkt in die Löcher einer riesigen Nase, die an der Wand hängt. „Nicht, dass die uns einsaugt“, sagt Kornel Miglus vom Polnischen Institut Berlin, der neben Olga Bowgierd und Adam Gusowski vom Club der polnischen Versager steht. Natürlich ist die Gefahr, dass die Nase jemanden verschwinden lässt, nicht besonders groß. Allerdings wäre die Nase samt Club der polnischen Versager, dessen auffälligster Wandschmuck sie ist, selbst beinahe verschwunden. Beides gehört zum Kulturprojekt Schokoladen, das der Besitzer des Hauses an der Ackerstraße in Mitte eigentlich im Februar räumen lassen wollte. Doch dann gab es dank Senat, Bezirk und einer Stiftung die Rettung in letzter Minute.

Das kulturelle Leben kann jetzt auch im Club der polnischen Versager weitergehen. Ab Donnerstag findet dort eine Woche lang die erste große Veranstaltung nach der Rettung statt: „Film Polska“, das größte polnische Filmfestival außerhalb Polens. „Die Planung war in diesem Jahr spannend“, sagt Festivalkurator Miglus. Das Polnische Institut Berlin veranstaltet das Festival zwar an insgesamt sieben Orten – vom „Arsenal“ bis zum Zeughaus-Kino. Aber der „Versager“- Club, wo auch sonst drei Mal im Monat polnische Filme gezeigt werden, bildet den Mittelpunkt. „Hier treffen sich jeden Abend die Filmemacher, um zu diskutieren“, sagt Miglus.

Er zupft an seinem grauen Trachtenjanker: „Den habe ich von einem Freund aus Bayern geschenkt bekommen. Manchmal sagen die Leute jetzt ‚Grüß Gott‘ zu mir. Auch hier in Berlin. Aber das passt ja, die Bayern und die Polen stehen schließlich beide näher an der Religion als andere.“ Dabei ist Miglus eigentlich Berliner, 1983 zog er aus Polen in den Westteil der Stadt, studierte Philosophie und Kulturwissenschaft. In den Achtzigern kamen rund 30 000 Polen nach Berlin, es war die Zeit der politischen Krise in der Volksrepublik, wie die meisten blieb er. Nach der Wende hat er beim polnischen Institut im Ostteil der Stadt angeklopft – dort wurde gerade die Stelle des Filmreferenten frei. Schon zum 7. Mal organisiert er jetzt das Festival Film Polska, bei dem die Berliner ihre Nachbarn – und auch die zweitgrößte Einwanderergruppe in der Stadt – noch besser kennenlernen können. In der letzten Zeit hat Miglus ein verstärktes Interesse der Berliner an Polen bemerkt. „Es gibt immer mehr Läden, die polnische Produkte verkaufen, und zwar an Deutsche, weil Polen nämlich meist zum Einkaufen über die Grenze fahren.“ Und etwa drei bis vier polnische Filme kommen pro Jahr in die deutschen Kinos. Für „Film Polska“ hat er „das Beste, was in Polen in der Nische Arthouse auf dem Markt ist“, ausgesucht.

„In Berlin findet man das Publikum für solche Filme, weil es hier eine besondere Kinokultur gibt.“ Das Publikum passt zu Miglus‘ Filmgeschmack. Über polnische Blockbuster sagt er: „Die funktionieren höchstens als Sonderbarkeit.“ Einen polnischen Publikumsmagneten hat er allerdings für das Festival ausgesucht: Den Anwärter auf den diesjährigen Oscar „In Darkness“, in dem auch Benno Fürmann mitspielt.

Der Film läuft allerdings nicht im Club der polnischen Versager. „Hierher kommen junge, engagierte Leute.“ Deshalb werden an der Ackerstraße etwa Kurzfilmprojekte von jungen Filmemachern gezeigt. Adam Gusowski, 38, der 2001 den Club als Kulturort, an dem sich Polen und Deutsche treffen können, mitgründete, freut sich vor allem auf die Veranstaltung am Sonnabend. Dann dreht sich alles um Podlasie. „Das ist ein ostpolnisches Grenzgebiet, eine total vergessene Region, die für andere Polen schon fast in Asien liegt“, sagt Gusowski, der ehrenamtlich im Club arbeitet, seit 22 Jahren in Berlin lebt und sonst für Funkhaus Europa arbeitet. Die Region wird nicht nur in Filmen vorgestellt, sondern auch mit einer Ausstellung und einem Konzert, dazu gibt es Essen aus der Region.

Und wie geht es nach der Festival-Abschlussparty im Club der polnischen Versager am 18. April weiter? „Die Fußball-Europameisterschaft in Polen ist das nächste große Ereignis bei uns“, sagt Gusowski. „Wir zeigen alle Spiele live und kommentieren sie satirisch – immer am Thema vorbei.“

Irgendwann aber soll im Club „alles anders“ werden. Was genau, weiß Gusowski aber noch nicht. „Zum ersten Mal seit drei Jahren sind wir auf sicherem Boden und können wieder planen. Wir müssen jetzt eine Vision für die nächsten 99 Jahre ausarbeiten.“ So lange ist die Existenz des Schokoladens dank der Stiftung gesichert. „Wir wollen weg von der Kunst, hin zur Geschichte des Arbeiterbezirks Mitte“, sagt er. Vielleicht könne eine Werkstatt für Behinderte entstehen. „Das sind aber alles große Schuhe, in die wir noch hineinwachsen müssen.“

Das Festival läuft vom 12. bis 18. 4 in sieben Kinos, Infos gibt es unter www.filmpolska.de.

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