Filmstadt Berlin : Die Fantasie braucht keine Pferde

Vielfalt und Ideen vor der Kamera: Das Filmfestival „Achtung Berlin“ geht in die neue Runde - auch mit alten Filmen.

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Not macht bekanntlich erfinderisch. Ein Ritterfilm soll gedreht werden, aber es sind keine Pferde zur Hand? Nun, Kühe tun’s auch. Und wenn selbst die fehlen, bleibt noch das gute alte Steckenpferd. Obwohl: Geht es nicht auch ohne? Reicht nicht die Imagination völlig aus, die des Schauspielers und die des Zuschauers? Also bitte der Fantasie die Zügel schießen lassen, und schon geht es – galoppel, galoppel – über den Burghof, dem Feinde entgegen, schwerterschwingend, wenngleich auch die nicht zu sehen sind.

Hört sich nicht nach millionenschwerer Hollywood-Produktion an. Eröffnet aber am Mittwoch kommender Woche die 9. Ausgabe des Filmfestivals „Achtung Berlin“: „Kohlhaas oder die Verhältnismäßigkeit der Mittel“, im Vorjahr entstandener Abschlussfilm von Aron Lehmann an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg. Eine originelle Idee liegt ihm zugrunde: Ein Jungregisseur – praktischerweise heißt auch er Lehmann – will in der bayerischen Provinz Kleists „Kohlhaas“ verfilmen, ein hochambitioniertes Projekt, dem aber gleich am ersten Drehtag die Gelder gestrichen werden. Für Lehmann eine Herausforderung. Seine Mittel: siehe oben.

Ein Film, der mit den Ebenen von Realität und Fiktion spielt und zugleich die Produktionsbedingungen reflektiert, unter denen viele der an dem Festival gezeigten Filme entstanden sein dürften – auch Lehmanns „Kohlhaas“, der nicht nur durch Regie und Produktion in Berlin verwurzelt ist, sondern ebenso durch den originalen Cöllner Kaufmann Hans Kohlhase, am 22. März 1540 nahe dem heutigen Strausberger Platz, auf dem dortigen Rabenstein, hingerichtet, wie auch durch Heinrich von Kleists 1808 veröffentlichte Novelle.

Mit „Kohlhaas“ wird zugleich die Wettbewerbssektion des Filmfest eröffnet, in dem zehn Spielfilme, elf Dokumentarfilme, sieben mittellange Spielfilme und 20 Kurzfilme sich der Jury stellen, darunter die Doku „Alleine tanzen“ der türkischstämmigen DFFA-Absolventin Biene Pilavci, die den nicht immer erfreulichen Alltag ihrer Familie porträtiert hat, und der Dokumentarfilm „Video Vertov“ von Gerd Conradt, der für seinen Enkel die eigene Biografie Revue passieren lässt und zugleich eine Wiederbegegnung mit der 1967 gegründeten West-Berliner Band Agitation Free ermöglicht. Deren Musik, die weiterhin ihre Anhänger hat, ist nicht nur im Film präsent: Zum Rahmenprogramm gehört ein Auftritt der Band am 23. April im Kesselhaus der Kulturbrauerei.

Würdigt die Wettbewerbssektion naturgemäß die aktuelle Filmproduktion, geht in anderen Bereichen der Blick eher zurück: Die Retrospektive „Emil & Co.“ etwa bringt Kinder- und Jugendfilme aus Berlin, die von der Kästner-Verfilmung „Emil und die Detektive“ von 1931 über Defa-Produktionen bis zu „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ reichen. Und in der Reihe „Spezial“ gibt es ein Wiedersehen mit den Filmen des Regisseurs Roland Klick. Filmemacher, Regisseure, Produzenten und die Zitty-Leserjury dürfen sich zudem auf eine Tasche freuen, gestiftet von einem Hauptsponsor: Sie ist weit attraktiver als das aktuelle Berlinale-Produkt!

„Achtung Berlin“ findet vom 17. bis 24. April im Babylon in Mitte, International, Filmtheater am Friedrichshain und Passage statt. Infos: www.achtungberlin.de

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