Berlin : Filmunterricht: Tempo! Action! Speed!

Thomas Loy

Vor Dreharbeiten ist man in Berlin nirgendwo mehr sicher. Rolling! Speed! Action! Auf der dritten Etage im Filmhaus im Sony-Center balancieren Batman und Catwoman auf dem Geländer. Die Comicwesen sind darauf bedacht, sich gegenseitig in die Tiefe zu stürzen. Zum Glück sind sie angeseilt, und die Kampfhandlung bricht schon nach 10 Sekunden ab. Hübsch auch die Sequenz "Catwoman und das tanzende Stromkabel". Dazu zischt Stuntfrau Katja Richter verbissen in die Handkamera und versucht, einen Schlauch zu dressieren. Damit der einigermaßen willig ist, hängt das Kabelende an einem Nylonfaden, und der wiederum an einem Papprohr, das ein chinesischer Kollege hin und her zieht.

Das ist Action-Kino. Und da europäische Nachwuchs-Regisseure eher wenig davon verstehen, nehmen 20 von ihnen eine Woche lang Nachhilfe bei Tsui Hark aus Hongkong, der in der Cineastenwelt für fantasievoll choreographierte Martial-Arts-Filme bekannt ist (Chinese Ghost Story, Peking Opera Blues), aber auch für weniger bedeutsame Werke mit Jean Claude van Damme. Tsui Hark, ein freundlich-friedvoller Mann, brachte auf Einladung der Europäischen Film-Akademie gleich sein komplettes Stuntteam mit und asiatisches Tempo.

In Hongkong sei Filmemachen ein Überlebenskampf, erzählt Tsui, ein Wettlauf gegen die Zeit, das geringe Budget und oft auch die Polizei. Dafür sieht er nach 20 Jahren Filmemachen noch recht frisch aus. Insider bezeichnen ihn als "hyperaktiv." Um 6 Uhr morgens ist Einsastzbesprechung, dann wird 12 Stunden lang geschnitten und gedreht. Jede Einstellung wiederholt er höchstens drei Mal. 62 "Takes" waren am zweiten Tag im Kasten - europäischer Standard seien eher 12, sagt Seminar-Teilnehmer Niko von Brücher.

Tsui hält seine Leute ständig unter Strom. Action im Film verlangt Action am Set. Immer neue, verrücktere Formen, eine ganze Revolution des Genres möchte Tsui auslösen, um "uns selbst in Staunen zu versetzen." An einem Drehtag ist eine kurze Filmsequenz entstanden. Der Cutter entschuldigt sich für die Überbelichtung und den schwachen Ton. "Ist nur ein Rohschnitt." Zu sehen sind Batman und Catwoman, wie sie im Innenhof heruntersegeln - elegant seilgebremst, dass sie schön stehen, wenn das Erdgeschoss erreicht ist. Dort lauert schon die nächste Gefahr: die aberwitzig rutschige Seifenlauge eines braven Putzmannes. Catwoman schlägt die rettende Hand des Statisten aus, da saust Batman schon wieder per Seilflug in die oberen Etagen. So märchenhaft schwerelos bewegen sich auch die Helden in Ang Lees Erfolgsfilm "Tiger and Dragon". Mit der Hollywood-Brutalität fliegender Fäuste und explodierender Autos habe das rein gar nichts zu tun. Niko von Brücher fasst den Begriff Action-Kino noch weiter: "Das können auch Liebesszenen sein."

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