Finanzen : Zahl der Schuldner sinkt

In Berlin sind weniger Menschen insolvent als im Vorjahr – insgesamt 50.000 Trotzdem gibt es hier die zweithöchste Quote Deutschlands. Experten warnen vor einem Rückschlag.

Ralf Schönball
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Immer weniger Berliner sind überschuldet – und dieser Trend hält bereits im zweiten Jahr an. Trotz dieser positiven Entwicklung stecken in der Stadt immer noch mehr Menschen in der Schuldenfalle als in allen anderen Bundesländern – nur Bremen steht noch schlechter da. Rund 360 000 Berliner können zurzeit ihre Rechnungen dauerhaft nicht mehr bezahlen, mehr als jeder zehnte Berliner. Dies sagte Jochen Wolfram, Geschäftsführender Gesellschafter der Ratingagentur Creditreform, gestern bei der Vorstellung des neuen Schuldneratlas.

Entwarnung gibt es dem Bericht zufolge nicht: Die leichte Entspannung „ist die Ruhe vor dem Sturm“, sagt Wolfram. Konjunkturpakete und Kurzarbeit hätten dafür gesorgt, dass die Krise bisher nicht auf die Privathaushalte durchgeschlagen habe. Sollte das Wachstum ausbleiben oder sehr schwach bleiben, drohten im kommenden Jahr wieder mehr Menschen in Zahlungsnot zu gelangen. „Ein weiterer Rückgang der Überschuldung ist nicht zu erwarten“, so Wolfram.

In Berlin sind in diesem Jahr 50 000 Menschen weniger als im Vorjahr seit mindestens drei Monaten nicht mehr in der Lage, ihre Rechnungen zu bezahlen. Wolfram führt diese deutschlandweit stärkste Abnahme der Überschuldung in der Stadt darauf zurück, dass Berlin weniger stark von der Finanz- und Wirtschaftskrise betroffen ist als andere Regionen, weil es hier kaum Schlüsselindustrien wie Maschinenbau oder Autoindustrie gebe.

Deshalb ist der Rückgang der Zahl überschuldeter Haushalte in problematischen Stadtteilen wie Wedding und Neukölln am größten, um drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr und um vier Prozent gegenüber 2007. Ein Grund zur Entwarnung ist das nicht: Denn noch immer ist fast jeder fünfte Weddinger Haushalt in akuter Geldnot.

Ost-West-Unterschiede spielen bei der Überschuldung keine Rolle mehr. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer liegt die Schuldnerquote im Osten Berlins mit 11,8 Prozent nur leicht unter der im alten West-Berlin (12,2). Allerdings liegen die beiden Stadtteile mit den wenigsten überschuldeten Haushalten im Westen (Zehlendorf: 6,8 Prozent; Steglitz 8,24 Prozent). Erst an dritter Stelle folgt Köpenick (8,41 Prozent).

Besorgniserregend ist Wolfram zufolge die Zunahme der finanziellen Notlagen bei den über 60-Jährigen. Auch stellt Creditreform eine „zunehmende Einkommens- und Wohlstandspolarisierung“ fest. Wegen Minijobs, Zeitarbeit, geringfügigen Beschäftigungen und befristeten Arbeitsverträgen steige das Armutsrisiko. Bei Menschen, die in diesem Beschäftigungsbereich tätig sind, sei die „Grenze zur dauerhaften Verarmung fließend“, sagt Wolfram. Er spricht hier von einer „strukturellen Überschuldung“, und diese sei wohl auch nicht mit dem Ende der Finanz- und Wirtschaftskrise überwunden. Denn die Zunahme der geringfügigen Beschäftigung ist ein dauerhafter Trend: Diese wuchs zwischen 1999 bis 2009 um knapp ein Drittel.

Die wichtigste Ursache für eine Überschuldung bleibt die Arbeitslosigkeit. Bei den Berlinern bis 35 Jahren kommt eine „schlechte Haushaltsführung“ hinzu. In der Mitte des Lebens führen die Trennung vom Partner oder dessen Tod oft in finanzielle Not; auch eine gescheiterte Selbstständigkeit kann eine Überschuldung nach sich ziehen.

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