Berlin : Finanzsenator Sarrazin

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Nostalgie aus seiner Zeit bei der Treuhand scheint da durch: Treffpunkt Marinehaus am Märkischen Ufer. Thilo Sarrazin erzählt von seinen jüngsten Ausflügen. Einer ging mit dem älteren Sohn in die Vergangenheit, ins ehemalige Westpreußen und ins Baltikum. Dort wo seine Vorfahren mütterlicherseits ihre Güter hatten. Ostelbischer Landadel. Den Schreibtisch seines Urgroßvaters hat er in einem der Gutshäuser wiedergefunden. Das wäre heute für „nur“ 350000 Euro zu haben, aber was sollen sie mit dem großen, renovierungsbedürftigen Besitz. Berlin heißt seine Aufgabe! Hier gilt es die dramatische Haushaltsschieflage zu beseitigen.

Seine wichtigste Kennziffer ist der Primärhaushalt, die Differenz zwischen den normalen Einnahmen und Ausgaben, ohne Zinsen und Investitionen. Seine Waffe sind seine berühmten Folien. Mit denen ist er gerade nach Bremen gefahren und hat den Hanseaten dort gezeigt, wie sie richtig sparen könnten. In Berlin mit seinen 60 Milliarden Euro Schulden sieht er dagegen dank der kräftigen Sparübungen „die Konsolidierung auf Kurs“. Sein stetes Mantra: Berlin hat ein Ausgabenproblem. Deshalb wird weiter kräftig reduziert, modernisiert in der Verwaltung – und auch weiter privatisiert.

Für diese heroische Arbeit ist der promovierte Volkswirt mit dem grauen Cäsarenkopf und der winzig kleinen Sprachhemmung bestens präpariert. Ob als Assistent an der Uni in Bonn, als Trainee beim Internationalen Währungsfonds, als FinanzStaatssekretär in Mainz, als Geschäftsführer der Immobilientochter der Treuhand oder als Bahnvorstand, Thilo Sarrazin hat immer „seinen Weg“ verfolgt – und ist damit häufig genug kräftig angeeckt. Das Erbgut für seine „Sturköpfigkeit“ leitet er von seinen ostelbischen Vorfahren ab. Als Schüler „war er nie sehr motiviert“. Erst im Studium hat es „gefunkt“, weil ihn die Themen da interessierten. Ziele? Über berufliche Ziele hat er nie besonders nachgedacht. „Es hat sich so ergeben.“

Berlin, so prophezeit sein oberster Sanierer, hat noch einen mühevollen Weg vor sich. Die Lösung kann letztlich nur in einer wieder prosperierenden Wirtschaft liegen – und das ist bei der Berliner Tradition einer Proletarierstadt nicht leicht. Denn produzieren kann man woanders billiger. Aber, so meint er, Berlin als größte deutschsprachige Stadt – sei vital und von ungewöhnlicher Anziehungskraft vor allem für Junge.

Heik Afheldt war Herausgeber von „Handelsblatt“, „Wirtschaftswoche“ und dem Tagesspiegel.

Thilo Sarrazin,

Geboren am 12. Februar 1945 in Gera,

aufgewachsen in

Recklinghausen. Der promovierte Volkswirt und ehemalige Bahn-Vorstand ist Finanzsenator in Berlin.

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