Finanzsenator : Sarrazins Pullover lassen seine Genossen kalt

Er sagt, was er denkt - und diesmal hält sich die Empörung in Grenzen. Thilo Sarrazins Worte vom Heizkostensenken durch Pullovertragen bringen seine SPD nicht in heiße Wut. Das hat Gründe.

Werner van Bebber
Sarrazin
Thilo Sarrazin -Foto: ddp [M]

Erstens: Die Äußerung als solche finden diejenigen, die sie komplett gelesen haben, nicht so problematisch. Sarrazin hatte in der „Rheinischen Post“ über den Umgang mit Heizkosten gesagt: „Wenn die Energiekosten so hoch sind wie die Mieten, werden sich die Menschen überlegen, ob sie mit einem dicken Pullover nicht auch bei 15 oder 16 Grad Zimmertemperatur vernünftig leben können.“ Anders als bei früheren Gelegenheiten stieß der Finanzsenator mit der Neigung zum politisch unkorrekten Statement weder Transferleistungsempfänger noch Arbeitslose, Übergewichtige oder Sozialarbeiter vor den Kopf. Das sei keine Behauptung, über die man sagen müsse: „Er irrt“, heißt es in der SPD.

Zweitens: Die Parteifreunde des Finanzsenators sind Kummer gewohnt, aber auch abgehärtet. Dass der Mann für die SPD Sympathiewerbung mache, erwartet keiner mehr. Manchen nervt nicht nur Sarrazins provokante Art, sondern auch seine Neigung zum Vergleich der Gegenwart mit der Nachkriegszeit. Und mancher aufrechte Sozialdemokrat hat mit dem gar nicht genossenhaften Senator innerlich abgeschlossen. Das könnte dazu führen, dass sein politisches Gewicht abnimmt. Andere, der SPD-Finanzfachmann Stefan Zackenfels zum Beispiel, erinnern an Sarrazins Verdienste. Seine Direktheit habe der Stadt viel gebracht. „Seine Äußerungen ändern nichts an seiner exzellenten Arbeit.“ Und die Worte zum Pullovergebrauch spalteten weder die Partei noch die Stadt.

Drittens: Sarrazins Verzicht auf die Beleidigung bestimmter Bevölkerungsgruppen bezeugt etwas Neues – dass Klaus Wowereits strenge Worte vom Juni an Sarrazin Wirkung haben. Vor ein paar Wochen war Sarrazin mit den Worten zitiert worden, er würde für fünf Euro arbeiten gehen. Das führte zu einem für Sarrazin wohl unerfreulichen Gespräch mit Wowereit und danach zu einer Entschuldigung des Senators für seine „dämliche Äußerung“. Weil seine persönlich gemeinte Fünf-Euro-Bemerkung nicht zur SPD-Linie beim Mindestlohn passte, bedauerte Sarrazin seinen wie er sagte schweren Fehler. Damals konnten sich viele getroffen fühlen, die für wenig Geld arbeiten – jetzt aber hat Sarrazin aufgepasst, dass er mit seinen Worten keinen Parteidiskurs stört.

Nicht wenige in der SPD trösten sich, während ihr Abstand zu Sarrazin immer größer wird, mit den Gerüchten über seinen Abschied aus Berlin. Es sind bloß Spekulationen, doch könnte es sein, dass Wowereit seinen Senat Anfang 2009 generalüberholt. Sarrazin würde dem Vorstand der Bundesbank empfohlen, Senator Heidi Knaake-Werner, die im kommenden März 65 wird, könnte richtig viele Berge besteigen – und der gerissene Wowereit würde Harald Wolf von der Linkspartei das Amt des Finanzsenators antragen, nach dem Motto: Deine Leute wollen ständig etwas – erklär Du ihnen, warum das nicht geht. Oder würde sich SPD-Landeschef Michael Müller dann dem Ruf in den Senat nicht mehr entziehen können? Und wer etwas weiß, der schweigt. Werner van Bebber

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