Berlin : Firma F.W. Müller: Spielzeug made in Kreuzberg

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Als die frisch gebackenen Hausbesetzer in der Cuvrystraße 20-23 "ihren" Keller näher in Augenschein nahmen, stießen sie auf die Vergangenheit: Papiere, Geschäftsbücher, Fotos. Und sogar einige Kartons mit Kinderträumen früherer Tage lagerten noch dort. Rund achtzig Jahre lang hatte die Firma "F.W. Müller" an dem Standort ein beliebtes Spielzeug hergestellt: Kindernähmaschinen. Generationen von Mädchen erlernten mit den funktionstüchtigen Miniaturen die Handarbeit, bis sie ab Ende der 60er Jahre langsam aus der Mode kam. 1979 meldete die letzte Besitzerin des Unternehmens Konkurs an. Zu diesem Zeitpunkt hatten mehrere hundertausend der kleinen Nähmaschinen mit dem Schriftzug "F.W. Müller" die Kreuzberger Fabrik verlassen - ein Teil von ihnen Richtung Asien und Amerika. Nach dem Konkursverwalter kamen die Hausbesetzer, die das Gebäude "Kerngehäuse" nannten.

Eine Ausstellung im Kreuzberg-Museum bringt jetzt dieses in Vergessenheit geratene Stück Berliner Industriegeschichte wieder ans Tageslicht. Fast 400 verschiedene Nähmaschinen-Modelle sind zu bewundern - von den aufwendig verzierten und bemalten gusseisernen Miniaturen des ausklingenden 19. Jahrhunderts bis hin zum Plastik-Modell der Nachkriegsjahre. Was einst teurer Luxus für wenige war, machte "F.W. Müller" in billiger Massenfertigung zu einem erschwinglichen Weihnachtswunsch auch für Arbeiterkinder.

Im zweiten Teil zeichnet die Ausstellung die jüngere Geschichte nach. Hinter Glas befindet sich ein handschriftliches "Gedächtnisprotokoll" auf Karopapier, das im Gespräch mit dem Hauseigentümer angefertigt wurde, und auf dem Boden liegt eine Abrissbirne, mit der die Besetzer gegen die damalige Baupolitik protestierten. Dokumente und Reliquien fügen sich zu einem facettenreichen Blick in die Geschichte der Cuvrystraße 20-23 - einem von vielen Gebäudekomplexen in Kreuzberg, in denen sich der Wandel vom Industriestandort zum Kiez mit alternativer Lebenskultur spiegelt.

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