Berlin : Firmenjubiläum: Ein Name überdauerte zwei Jahrhunderte

Tobias Arbinger

Herr Thielemann kann seine Familiengeschichte anhand der Ölbilder erzählen, die die Wände seines Firmenbüros in der Burgemeisterstraße bedecken. Direkt über seinem Schreibtisch hängt Friedrich Wilhelm Heinrich, der den Handwerksbetrieb einst gründete. Daneben sind Bilder von Ferdinand "dem Zweiten" und seiner Frau, sowie Ferdinand IV. zu sehen. Ferdinand heißen alle männlichen Nachkommen des Firmengründers - seit fünf Generationen. Ferdinand Thielemann, 59 Jahre alt, gelernter Verfahrenstechniker und seit 1974 Chef im Haus, ist da keine Ausnahme.

Zu königlichen "Hofklempnern" wurden die Thielemanns einst per Kabinettsorder berufen. Das ist 140 Jahre her. Diese Woche wird das Unternehmen zwei Jahrhunderte alt. "Es dürfte sich bei uns um einen der ältesten Familienbetriebe Deutschlands handeln", sagt Ferdinand Thielemann. Er sitzt am kupferbeschlagenen Konferenztisch seines Unternehmens und erinnert sich an vergangene und zum Teil bessere Zeiten.

Die Thielemanns und ihre Arbeiter haben eine ganze Epoche lang Preußens Baumeistern gedient. Die Liste der Gebäude, an denen sie als Bau- und Architekturklempner gearbeitet haben, liest sich wie eine Aufstellung des Berliner Kulturerbes. Darunter sind das Brandenburger Tor, der Deutsche Dom, das Schauspielhaus, die Bauakademie und das Charlottenburger Schloss. Zink- und Kupferdächer sowie Blechverzierungen waren seit jeher die Spezialität des Betriebs. Er leistete hervorragende Arbeit und wurde mit Orden, Preisen und Aufträgen belohnt: für Kirchen, Schlösser, Herrenhäuser.

Matt glänzendes Kunsthandwerk im Tempelhofer Firmensitz erinnert an die Firmengeschichte. In einer Ecke steht die Ritterrüstung, die der zweite Ferdinand zu Pferde bei einem Huldigungsumzug zu Ehren Friedrich Wilhelm des IV. trug. Über dem schweren verzierten Geldschrank, der mindestens ebenfalls hundert Jahre alt ist, steht die Büste einer Athene. Auf einem Regal liegen Helme, Teekessel und Wärmflaschen - alles Produkte aus dem Hause.

Am 24. Februar 1801 bestand Firmengründer Friedrich Wilhelm Heinrich die Meisterprüfung. Seine Werkstatt hatte er in der Kleinen Kirchgasse, nahe der Straße Unter den Linden. Als er 1838 starb, war das Unternehmen bei Preußens Bauräten schon gut bekannt. Mitte des 19. Jahrhunderts bekam es Aufträge von Schinkel, 1867 war es bei der Weltausstellung in Paris dabei. 1888 stellte es Kandelaber und Wappenschilder für die Beisetzungsfeier von Kaiser Wilhelm I. her. Ende des 19. Jahrhunderts verarbeiten die Thielemanns immer mehr Kupfer. Unter anderem deckten sie das Schauspielhaus und die Ecktürme des Reichstags ein. Das expandierende Unternehmen musste umziehen und bezog 1914 schließlich das Werksgelände in Tempelhof. Aufträge gab es selbst im Krieg, denn da Kupfer für Waffen gebraucht wurde, mussten Thielemanns die Bleche von ihren ehemaligen Baustellen wieder herunterreißen.

Auch die alte Werkstatt im zweiten Geschoss des Firmensitzes erinnert noch an vergangene Zeiten. Sie steht voller alter Stanzen, Bohr- und Falzmaschinen, die jedes Technikmuseum schmücken würden. Die meisten Geräte werden nicht mehr gebraucht. "Heute verarbeitet man meistens Fertigteile", sagt Thielemann. In den früheren Pferdeställen des Traditionsunternehmens wurde schon vor langer Zeit eine moderne Werkstatt eingerichtet.

Die Klempnerei, die in den vergangenen Jahrzehnten das Dach der Philharmonie mitbaute und das der Akademie der Künste, hat heute noch sieben Beschäftigte. Etwa 150 Arbeiter seien in den 30er Jahren bei ihnen angestellt gewesen, erzählt Ferdinand Thielemann, "bis Mitte der 80er Jahre hatten wir 25 Leute, dann ging es nach und nach bergab. Momentan erleben wir die härtesten Zeiten". Billiganbieter aus anderen europäischen Ländern und Schwarzarbeiter machen der Branche zu schaffen. "Die zahlen acht Mark Stundenlohn, wir 23 Mark Tarif". Und mit öffentlichen Bauaufträgen sieht es äußerst schlecht aus.

Die Jubiläumsfeier am Sonnabend wird das nicht stören. Mit dabei ist Thielemanns Tochter Sandra. Sie und ihr Mann könnten den Betrieb einmal übernehmen. Eine Tradition würde erhalten: Der Schwiegersohn hat auf seinen Namen verzichtet und heißt nun ebenfalls Thielemann.

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