Berlin : First we take Manhattan

Berlin ist „Stadt des Designs“ – das will der Regierende Bürgermeister jetzt auch in New York zeigen

Elisabeth Binder

Für die Kuratoren des New Yorker Museum of Modern Art hätte der Berlin-Aufenthalt nicht ergiebiger sein können. Zwei Tage lang fuhren sie im vergangenen Jahr kreuz und quer durch die Stadt auf der Suche nach avantgardistischen Designern und Produkten. Jörg Wichmann, der im „Berlinomat“, einem großen Geschäft für Berliner Design in Friedrichshain, auf 450 Quadratmeter die Produkte von 180 hier ansässigen Designern verkauft, gehörte zu den Scouts der Besucher. „Am Ende hatten sie eine Liste von 120 Produkten, die in die engere Auswahl kamen“, erzählt der 36-jährige gebürtige Berliner. Rund 80 dieser Produkte kauften die MoMA-Leute schließlich ein, um sie demnächst für drei Monate in ihren beiden großen Geschäften in New York anzubieten. Ein toller Erfolg, aber nicht so verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Berlin die erste europäische Metropole ist, die von der Unesco den Titel „Stadt des Designs“ bekommen hat.

Zu danken ist das der Initiative „Create Berlin“, einem offenen Netzwerk Berliner Designer, das Berlin als internationale Kreativmetropole bekannter machen will. Sicher geht es auch darum, junge Talente mit Produzenten und Meinungsführern zusammenzubringen. Das gelang bislang schon gut bei einer großen Modemesse in Mailand, bei der sich Berliner Labels rund 600 internationalen Medienvertretern präsentieren konnten. Auch in Tokio und Moskau präsentierte „Create Berlin“ mit Erfolg junge Talente.

Zu den treibenden Kräften von „Create Berlin“ gehört auch Sebastian Peichl. Er ist selber Vorstand der Designagentur „Art + Com“, deren 60 Mitarbeiter unter anderem mit der Neugestaltung des Naturkundemuseums und einer „Science of the Aliens“-Ausstellung in Miami beschäftigt sind. Spezialisiert ist er darauf, in Museen und auf Messen „multisensuale Erlebnisse“ zu schaffen, was so viel bedeutet wie, dass Wissen via Erlebnis vermittelt wird. Wie Jörg Wichmann und Lutz Engelke von der Agentur Triad engagiert er sich ehrenamtlich für „Create Berlin“, weil er glaubt, dass die Industrie ohnehin nicht zurückkommt, die Zukunft der Stadt also woanders zu suchen sein wird. Zum Beispiel bei den jungen Designern.

Der Auftritt in New York ist für sie eine große Chance, neue Märkte und Geldgeber zu finden. Also soll er mit einem Paukenschlag beginnen. „Zu Beginn der MoMA-Verkaufsaktion machen wir da am 17. Mai zusammen mit Partner für Berlin einen ,Berlin Day‘“, erzählt Peichl stolz. In einer Galerie in Soho wird die Ausstellung „Koffer aus Berlin“ eröffnet, für die zehn Berliner Designer Koffer packen mit allem, was für sie zu Berlin unbedingt dazugehört. „Wir freuen uns auch, dass der Regierende Bürgermeister dabei ist und den MoMA-Store besucht, wo die 80 Berlin-Produkte verkauft werden“, sagt Peichl. Wowereit freut sich über den Erfolg der jungen Berliner: „Das ist doch der Olymp, bei MoMA aufgenommen zu werden, und das bedeutet ja auch richtig viel Cash.“ Auch ein großes Matchmaking-Dinner ist geplant, bei dem sich die jungen Designer mit wichtigen Entscheidern aus der US-Wirtschaft vernetzen sollen. Zum Abschluss soll die Berliner Band Mia singen, aber das wackelt noch ein bisschen, weil dafür ein Sponsor gebraucht wird.

Peichl hat Erfahrung damit, Aufmerksamkeit auf Berlin zu ziehen. Unter anderem hat er den Showroom für den Stadtmöbel-Hersteller Hans Wall entworfen, in dem sich Bürgermeister aus aller Welt über die neuesten Entwürfe von Haltestellen und Klohäuschen informieren.

Wer Design aus Berlin erleben will, muss aber nicht erst bis nach New York fahren. Noch bis zum 27. Mai findet im Automobilforum Unter den Linden eine Ausstellung junger Designer statt. Veranstaltet wird sie von „berlindesign.net“, einem Netzwerk von etwa 250 jungen Berliner Designern, die schon zum fünften Mal den Designmai ausgerufen haben, der in diesem Jahr mit etwa 100 Ausstellungen, Workshops, Präsentationen und Vorträgen vom 12. bis 20. Mai stattfindet.

Im Automobilforum kann man schon einen guten Eindruck bekommen, wie die kreativen Berliner ticken. Gerold Achim Adamietz zeigt seinen „Inviting Chair“, der normalerweise als „Eisbrecher in einer Werbeagentur steht“, indem er selbst Gesprächsstoff liefert. Er kombiniert äußere Härte in Gestalt eines Aluminium- und Palisanderrahmens mit innerer Weiche, die durch ein Schaffell ins Spiel kommt. Zu einem Sofa aus Stahl und rotem Merinopelz hat er sich von einer Bergwiese und einem fliegenden Teppich inspirieren lassen. Sein Geld verdient der 37-Jährige aber mit anderen Entwürfen, zum Beispiel extraschicken Verpackungen für Kondome. Gleich nebenan hängt das hölzerne Fahrrad „Woody“ von Ulrich Panzer. Dass es schön aussieht, ist für den Designer wichtiger als das etwas erhöhte Gewicht. „Das spielt doch nur eine Rolle, wenn man in den Bergen unterwegs ist oder viel mit der U-Bahn fährt.“ Auch er verdient daran kein Geld. Sondern wie? „Ich repariere alles, was die Leute mir bringen.“

Zu den Blickfängen der Ausstellung gehört die bunte „Furniture Playstation“ von Vera Franke & Frank Steinert. Auf einer Grundplatte mit Lochrastern können Sitz- und Tischelemente zu immer neuen Landschaften zusammengesteckt werden. „Man soll nicht sofort wissen, worum es sich handelt“, erläutert Vera Franke die Idee, die in der Landschaft steckt. „Wir wollten mal das Konzept durchbrechen, immer wieder einfach nur neue Tische und Stühle zu entwerfen.“

Automobilforum Unter den Linden 21 (Ecke Friedrichstraße), bis zum 27. Mai, Mo bis Fr 9 – 20 Uhr, Sa, So, Feiertag 10 – 18 Uhr; Sonderausstellung Designmai Youngsters im Stilwerk, Kantstraße 17 (www.create-berlin.de)

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