Berlin : Fisch sucht Wohnung

Jede Woche ist WG-Party im Magnet-Club. Heimatlose können hier ein neues Zuhause finden

Johannes Edelhoff

Noch sitzt Jenny allein auf dem Sofa und überlegt, wen sie ansprechen könnte. Auf der Tanzfläche bewegt sich nur ein einziger Mann zu der Musik aus den Boxen. Jenny ist begeistert, dass er sich das traut: „Toll, wenn jemand so locker ist.“ Also beschließt sie, ihn anzusprechen. Wenn alles gut läuft, will sie mit ihm zusammenziehen. Es ist WG-Party im Magnet-Club in Prenzlauer Berg – Berlins einziger Wohnungsvermittlung, bei der man auch tanzen kann.

Jeden Sonntag können hier Heimatlose ein WG-Zimmer oder WGs einen neuen Mitbewohner suchen. Wie an einem ganz normalen Clubabend legt ein DJ Musik auf, nur ein bisschen leiser als sonst, „damit man sich auch unterhalten kann“, sagt Fabian Saul, der Initiator der WG-Party. Das Konzept der Party stammt aus Paris. Saul hatte in einer Zeitschrift davon gelesen und sich gefragt, warum es das noch nicht in Berlin gebe. „Angebot und Nachfrage sind auf jeden Fall da“, glaubt der 19-Jährige. Da er als Zielgruppe vor allem Studenten im Blick hat, steigt die WG-Party im Magnet- Club. Dort laufe mit Rock’n’Roll und Elektro „Musik für Studentenklientel“. Die WG-Party ist aber nicht für jeden geeignet, gibt Saul zu: „Wer zu schüchtern ist, auf Leute zuzugehen, findet hier wohl kaum etwas. Aber als WG-Typ sollte man doch eh kommunikativ sein.“

Um Schüchternen die Kontaktaufnahme zu erleichtern, werden die gleichen Hilfsmittel benutzt, die auch bei Singlepartys à la „Fisch sucht Fahrrad“ das Eis brechen sollen. Jeder trägt einen großen roten oder weißen Aufkleber auf der Brust. Weiß bedeutet, man sucht ein Zimmer. Wer ein Zimmer anbietet, trägt Rot. Auf jedem Aufkleber steht eine Nummer, die einem Zettel an einer Pinnwand zugeordnet ist. Dort stehen Informationen zu den Wohnungen oder den Suchenden. „Bin ziemlich nett (denke ich) umgänglich und anspruchslos“, steht auf Jennys Karte, der Nummer 37. Sie ist mittlerweile von der Tanzfläche zurückgekehrt und schielt schon nach dem nächsten potenziellen Mitbewohner. In die Wohnung des Tänzers will sie nicht einziehen. „Die liegt doch ein bisschen weit außerhalb, in Spandau.“ Trotzdem findet sie diese Art der WG-Suche viel besser, als sich direkt in einer WG vorzustellen: „Dort ist die Stimmung doch eher verkrampft. Einmal wurde sie gefragt, wie sie ihre Putzfähigkeit auf einer Skala von eins bis zehn einschätze. „Die Atmosphäre war wie bei einem Vorstellungsgespräch zum Job – schrecklich. Man verliert durch so etwas schnell die Lust, noch weiter zu suchen.“ Hier sei das anders, selbst wenn sie kein Zimmer finden sollte, „war’s ein schöner Abend“, sagt sie. Man verbinde das Angenehme mit dem Nützlichen.

Damit auf der Party schon ein Eindruck vom angebotenen Zimmer aufkommt, können vorher Fotos per E-Mail an den Magnet-Club geschickt werden. Per Videobeamer werden sie dann, zusammen mit der Wohnungsnummer, an eine Wand projiziert.

Momentan kommen ungefähr 30 bis 50 Leute auf die Partys. Im weitläufigen Magnet-Club wirken die Gäste so noch etwas verloren. Zum Semesterstart im April werde sich das ändern, wenngleich er es sich aber nicht „knackevoll“ wünscht, sagt Saul. Das zerstöre die persönliche Atmosphäre. Sein WG-Partykonzept will er noch auf andere Städte ausweiten. Das Fest solle eine Anlaufstelle in vielen deutschen Städten werden. So findet man in einer neuen Stadt schneller Anschluss. Saul muss es wissen. Vor vier Monaten ist er nach Berlin gezogen – in eine WG.

Jeden Sonntag ab 20 Uhr im Magnet-Club, Greifswalder Straße 212, Eintritt 3 Euro, Infos unter www.magnet-club.de

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